Provenienzforschung

Provenienzforschung

Die Provenienzforschung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erstreckt sich auf Kunstwerke, die ab 1933 erworben bzw. inventarisiert wurden und deren Provenienzen unklar sind. Gemäß der Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden (Washington Principles von 1998) prüfen die Staatsgemäldesammlungen ihre Bestände in den Pinakotheken und Zweiggalerien, um festzustellen, ob sich darunter während des Nationalsozialismus unrechtmäßig enteignete Kunstwerke aus ehemals jüdischem Besitz befinden, die restituiert werden können. Zielsetzung ist eine möglichst lückenlose Dokumentation der Provenienzen, die die Aufklärung von Eigentumsverhältnissen erleichtert.

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen betreiben systematische Provenienzforschung seit 1999

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen haben 1999 bis 2002 eine erste, auf drei Jahre befristete Stelle für Provenienzforschung eingerichtet. Ilse von zur Mühlen hat in diesem Zeitraum die Bestände überprüft und für die 125 Werke aus der ehemaligen Sammlung Göring einen Katalog erstellt, der 2004 erschienen ist. 2006 wurden die darin untersuchten Werke wegen Raubkunstverdacht auf www.lostart.de gemeldet. Seit 2008 gibt es ein eigenes Referat für Provenienzforschung, für das eine Konservatorenstelle eingesetzt ist, d.h. die Stelle ist unbefristet. Dr. Andrea Bambi untersucht seitdem die Provenienzen der Werke, die seit 1933 erworben wurden und die vor 1945 entstanden sind.

Die Staatsgemäldesammlungen untersuchen proaktiv 7000 Werke

Das Referat bearbeitet zusätzlich zur systematischen Bestandsrecherche für 7000 Werke (Gemälde und Skulpturen) sowohl eingehende Restitutionsforderungen als auch proaktiv aufgefundene Fälle. Es meldet diese wegen Verdacht auf verfolgungsbedingten Entzug der Internet-Datenbank www.lostart.de (aktuell 300 Meldungen) und tritt – sofern möglich – an die Anspruchsberechtigten heran. Zudem werden provenienzrelevante Vorgänge wie Neuankäufe von vor 1945 entstandenen Kunstwerken, Ausleihen, Datenbankeinträge und Katalogeinträge be- und erarbeitet.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Referats nehmen laufend an Fortbildungen, Workshops und Tagungen zur Provenienz- und Kunstmarktforschung teil. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sind Mitglied im Forschungsverbund Provenienzforschung Bayern und die Forscherinnen und Forscher beteiligen sich aktiv am Arbeitskreis Provenienzforschung e. V..

Die Provenienzrecherche der BSTGS umfasst die Bestände aller drei Pinakotheken und der Zweiggalerien

Untersucht werden Gemälde und Plastiken, die ab 1933 erworben wurden und vor 1945 entstanden sind.

Rechercheschwerpunkte sind:

›Überweisungen aus Staatsbesitz‹: Bei den sogenannten Überweisungen aus Staatsbesitz handelt es sich um Kunst- und Kulturgegenstände aus den Sammlungen ehemaliger Funktionäre und Organisationen der NSDAP, die vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren auf Basis alliierter Kontrollratsdirektiven an den Freistaat Bayern übereignet wurden. Rund 900 dieser Kunstwerke gelangten daraufhin in den Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, in dem sie aufgrund ihrer Herkunft eines der problematischsten forschungsrelevanten Konvolute bilden. Bearbeitet wird und wurde dieser Bestand von Dr. Florian Wimmer † (von November 2013 bis November 2015), von Dr. Johannes Gramlich (seit 1. Juli 2016) und Anja Zechel M.A. (von November 2012 bis Mai 2017) und Sophie Kriegenhofer (seit August 2018).

›Klassische Moderne‹: Von März 2015 bis März 2018 wurden 238 ausgewählte Werke der Klassischen Moderne von Johanna Poltermann untersucht. Die Forschungslage zu diesen Werken ist komplex, da sie nicht von den Pinakotheken direkt erworben wurden, sondern zu großen Teilen über Schenkungen in der Nachkriegszeit in die Sammlung kamen. Wichtige Konvolute sind beispielsweise die ehemaligen Privatsammlungen von Woty und Theodor Werner, von Martha und Markus Kruss, von Günther Franke oder auch von Sofie und Emanuel Fohn. Die genannten Sammlungen entstanden teilweise in der Weimarer Republik, in der Zeit des Nationalsozialismus oder auch in der Nachkriegszeit, weswegen die eigentlichen historischen Ankaufsverhältnisse einer kritischen Prüfung unterzogen werden müssen.

›Erwerbungen 1933-1945‹: Die zwischen 1933 und 1945 erworbenen Werke wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit im Münchner Collecting Point auf Raubkunst untersucht, eine zweite grundlegende Überprüfung erfolgte 1999 bis 2002. Seit Sommer 2017 wird dieser gut 950 Werke umfassende Bestand von Anja Zechel und Melida Steinke (seit August 2018) auf Basis neu zugänglicher Quellen erneut auf Raubkunst überprüft und im Hinblick auf die Provenienzangaben aktualisiert.   

›Erwerbungen nach 1945 bis heute‹: Projektziel ist es, im Zuge einer Erstsichtung auf der Grundlage der schriftlichen Überlieferung von Inventaren, Bildakten und unter Berücksichtigung des heute gegenüber den Jahren um 1998/2000 deutlich weiterentwickelten Wissensstandes all jene Werke, die eine klare und in jeder Hinsicht unverdächtige Provenienz aufweisen, von der weiteren Recherche ausschließen zu können. Der hier in Rede stehende Gesamtumfang des Erstchecks beträgt über 5000 Werke. Projektbearbeiterin ist Dr. Ilse von zur Mühlen.

Kontakt zu unseren Provenienzforschern

Mitarbeiter

Das Referat Provenienzforschung bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen hat sechs MitarbeiterInnen

Insgesamt sechs Personen arbeiten im Referat für Provenienzforschung: Leitung Dr. Andrea Bambi, Kunsthistorikerin, 1 Stelle Vollzeit (Oberkonservatorenstelle); Dr. Johannes Gramlich, Historiker, 1 Stelle Vollzeit (seit 07/2016, befristet bis 12/2020); Sophie Kriegenhofer M.A. und Melida Steinke M.A., Kunsthistorikerinnen, zusammen 1 Stelle Vollzeit (seit 08/2018, befristet bis 12/2020); Dr. Ilse von zur Mühlen, Kunsthistorikerin, der Inventarabteilung assoziiert (seit 07/2017, befristet bis 06/2019); Anja Zechel M.A., Historikerin, 1 Stelle Teilzeit (unbefristet). Die Oberkonservatorenstelle und die Teilzeitstelle sind im Haushalt, d.h. reguläre Stellen. Die befristeten Stellen werden zu 75 % aus Mitteln des Ministeriums und zu 25 % aus Drittmitteln finanziert.

Restitutionen

Seit 1998 haben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen 14 Werke aus 10 Sammlungen restituiert.
Hier erhalten Sie eine Übersicht und weitere Informationen zu den bisherigen Restitutionen

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen restituieren nach proaktiver Recherche am 25.07.2018 ein Werk von Ernst Immanuel Müller an die Erbengemeinschaft nach Ludwig Friedmann (30.10.1880-07.03.1943). Das Bild mit dem Titel „Bauernstube“ wird an Miriam Friedmann, eine Enkelin von Ludwig und Selma Friedmann, für die Erbengemeinschaft übergeben. Diese 14. Restitution der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen nach der „Washingtoner Erklärung“ von 1998 erfolgt im Schaezlerpalais in Augsburg, da Ludwig und Selma Friedmann Bürger dieser Stadt waren und eine der Erbinnen Miriam Friedmann in dieser Stadt lebt. Auf Wunsch der Erbengemeinschaft soll das Bild auch zukünftig in der Familie verbleiben.
Nähere Informationen dazu finden Sie hier.

2018 wurden Provenienzberichte zu Werken mit den Provenienzen Max Stern (?), Abraham Adelsberger und Ludwig Friedmann erstellt. Während zu ersteren jeweils eine Restitutionsforderung vorliegt, wurde in dem Fall Friedmann proaktiv recherchiert. Entsprechende Lost Art Meldungen erfolgten und die aktive Erbensuche ist eingeleitet worden.

Ein Gemälde von Josef Wopfner (Fischerboote bei Frauenchiemsee, Inv.-Nr. 12589) gehörte vormals zur Kunstsammlung von Abraham Adelsberger, einem Nürnberger Unternehmer jüdischer Herkunft. Im März 1942 erwarb Martin Bormann das Bild für die NSDAP-Parteikanzlei bei einer Auktion des Münchener Kunstversteigerungshauses Adolf Weinmüller. Nachdem die amerikanischen Alliierten das Werk 1945 sichergestellt und in den Münchner Central Collecting Point zur Untersuchung überführt hatten, wurde es auf Basis alliierter Direktiven 1956 an den Freistaat Bayern übereignet, der es als „Überweisung aus Staatsbesitz“ in den Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gab. Für die Recherchen wurden umfangreiche Unterlagen aus dem Staatsarchiv Nürnberg, dem Landesarchiv NRW in Düsseldorf und dem Joods Historisch Museum in Amsterdam ausgewertet. Die Inhalte des Dossiers werden aktuell juristisch bewertet. Mit den Nachfahren Abraham Adelsbergers stehen die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in Kontakt.

Zu einem Werk von Hans Wertinger aus der Sammlung des Bankiers Jacob Goldschmidt   Inv.Nr.12030) haben die BSTGS im August 2018 ein Auskunftsersuchen der Erbenvertreter erhalten. Das Gemälde ist während der NS-Zeit in die Sammlung von Julius Streicher, Gauleiter Frankens, gelangt und 1953 als „Überweisung aus Staatsbesitz“ in den Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gekommen. Das Projekt zu den „Überweisungen“ hat mit der Tiefenrecherche zur Provenienz des Gemäldes im Berichtsjahr begonnen.

Auf die 2017 erfolgte Lost Art Meldung zu einem Werk von Lesser Ury (Inv.Nr.14275) aus der Sammlung von K/Curt Goldschmidt (Vgl. Jahresbericht 2017) haben sich 2018 Vertreter der möglichen Berechtigten gemeldet und klären zusammen mit den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen die Voraussetzungen für eine mögliche Restitution des Werkes.

Bezüglich des Gemäldes "Das Zitronenscheibchen" von Jacob Ochtervelt (Inv.Nr. 16217) haben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, nachdem auf Basis beiderseitiger Recherchen keine Einigung erzielt werden konnte, im September 2018 dem Wunsch der Antragsteller zugestimmt, vor die sogenannte Beratende Kommission zu gehen.

Mit dem Holocaust Claims Processing Office (HCPO) stellvertretend für den ›Max Stern Estate‹ stehen die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen weiterhin in direktem und transparentem Austausch bezüglich des Gemäldes von Hans von Marées »Ulanen auf dem Marsch« (Inv.Nr.15010), um gemeinsam baldmöglichst eine faire und gerechte Lösung gemäß der Washingtoner Erklärung zu erzielen.

Die Erbensuche im Fall Davidsohn konnte nach 2 Jahren Recherche seitens der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erfolgreich abgeschlossen werden. Die Erben in Deutschland, England, Israel und Zimbabwe stehen mittels eines von ihnen gewählten Sprechers in direktem Austausch mit den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und verhandeln die Rückgabemodalitäten der fünf Gemälde, drei Grafiken und einem Elfenbeinrelief aus den Beständen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, des Bayerischen Nationalmuseums und der Staatlichen Graphischen Sammlung.

Mit Entscheid vom 28. September 2018 hat das von den Erben nach Alfred Flechtheim angerufene US-Bundesbezirksgericht in New York einen vom Freistaat Bayern im eigenen Namen sowie namens der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zuvor eingereichten Antrag auf Klageabweisung gutgeheißen (Vgl. Jahresbericht 2017). Mit dem vorliegenden Entscheid ist das Gerichtsverfahren in New York nunmehr abgeschlossen. Die Klageabweisung erfolgte wegen fehlender Zuständigkeit des US-Gerichts aufgrund der Immunität des Freistaats Bayern gemäß dem US-Gesetz über die Immunität ausländischer Staaten (Foreign Sovereign Immunities Act). Das Gericht hat dabei keine Tatsachenfeststellungen vorgenommen, sondern hat die Klage deshalb abgewiesen, weil die Zuständigkeit des Gerichts selbst dann nicht gegeben gewesen wäre, wenn die Kläger die in ihrer Klageschrift behaupteten Tatsachen hätten nachweisen können.

Die Erben nach Paul von Mendelssohn-Bartholdy haben wegen des Gemäldes von Picasso mit dem Titel "Madame Soler" im Jahr 2013 in den USA Klage gegen den Freistaat Bayern eingereicht. Die Klage wurde aufgrund der Staatenimmunität des Freistaats Bayern mangels Zuständigkeit amerikanischer Gerichte in zwei Instanzen zurückgewiesen. Zuletzt hat auch der US-Supreme Court in Washington D.C., das oberste Verfassungsgericht der USA, im Januar 2016 die Klage abgelehnt.

Fundmeldungen

Die Staatsgemäldesammlungen listen Fundmeldungen auf www.lostart.de.

Wenn sich Raub oder verfolgungsbedingter Verlust nicht gänzlich ausschließen lassen, erfolgt bereits eine Meldung bei der Internetplattform Lost Art. Dort ist der momentane Informationsstand zu den Gemälden öffentlich einsehbar, so dass mögliche Eigentümer ihre Ansprüche geltend machen können. 300 Kunstwerke sind aktuell bei Lost Art (www.lostart.de) einsehbar. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen folgen damit ihrer Verpflichtung der Bestandsüberprüfung nach den Maßstäben der sogenannten Handreichung, auf Basis der Gemeinsamen Erklärung und den Washington Principles (Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden). Diese Zahl erhöht sich ständig und veranschaulicht die ernst gemeinte Bereitschaft der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, ihren Bestand zu überprüfen und Raubkunst zu melden.

Die Recherchen zu den Werken gehen indes weiter. Mit zusätzlichen Quellen versuchen die Provenienzforscher bisherige Lücken zu schließen und die Herkunft des Gemälde und Skulpturen vollständig zu klären. 

Alfred Flechtheim

15 Museen zeigen bis März 2014 in Ausstellungen und auf der Website www.alfredflechtheim.com Kunstwerke, die durch ihre Provenienz (= Herkunft) in Verbindung mit den Galerien von Alfred Flechtheim stehen. Die gezeigten Werke sind über verschiedene Wege in die jeweiligen Sammlungen gelangt: einen Teil erwarben die Museen direkt bei Alfred Flechtheim, sei es als Ankauf, Geschenk oder durch seine Vermittlung. Weitere Werke wurden von ihm an Dritte verkauft und gelangten über mehrere Zwischenstationen – meist nach 1945 – in die Museen.

Der Galerist Alfred Flechtheim (1878–1937) gehört zu den bedeutenden Protagonisten der Kunstszene im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Sein Einsatz für den rheinischen Expressionismus, die französische Avantgarde und die deutsche Moderne, die Förderung von Künstlerpersönlichkeiten wie Max Beckmann, George Grosz und Paul Klee haben ihn bereits zu Lebzeiten international bekannt gemacht. Doch die Herrschaft des Nationalsozialismus verändert sein und das Leben seiner Familie drastisch: Im Oktober 1933 muss Flechtheim Deutschland verlassen, als Kunsthändler jüdischer Herkunft wird er öffentlich diffamiert, seine Galerien in Düsseldorf und Berlin werden bis 1935 liquidiert oder von früheren Partnern fortgeführt, noch vorhandenen Kunstbesitz transferiert er ins Ausland, vor allem nach London. Dort stirbt er 1937 im Alter von nur 59 Jahren an den Folgen eines Unfalls. Seine Ehefrau Betty nimmt sich 1941 angesichts ihrer bevorstehenden Deportation das Leben. Die in ihrer Berliner Wohnung verbliebenen Kunstwerke werden beschlagnahmt und gelten als verschollen.

Seit 2009 vermuten die Erben nach Alfred Flechtheim bei zahlreichen Werken mit der Provenienz Flechtheim in Sammlungen von Museen im In- und Ausland einen verfolgungsbedingten Verlust. 2012 und 2013 kam es zu ersten Entschädigungen bzw. Restitutionen an die Erben nach Alfred Flechtheim (Bonn, Köln). Die ProvenienzforscherInnen der Museen versuchen seitdem gemeinsam und auf Grundlage der sogenannten Handreichung zur Umsetzung der 1999 unterzeichneten „Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“, vorliegende Erkenntnisse zu vertiefen und offene Fragen zu beantworten. Diese Recherchen waren der  Ausgangspunkt für das Projekt, das Alfred Flechtheims außergewöhnliches Wirken als Händler der vom Nationalsozialismus diffamierten Künstler, den abrupten Bruch in der Biografie, seine damit verbundenen Verlusterfahrungen und das tragische Schicksal seiner Familie würdigt.

Nicht immer lassen sich Provenienzen von Kunstwerken vollständig dokumentieren, weil durch Verfolgung, Krieg, Flucht und Emigration wichtige Unterlagen verloren gingen oder zum Schutz der Privatsphäre nicht zugänglich sind. Flechtheims Geschäftsunterlagen in der Mayor Gallery vernichtete der von der Deutschen Luftwaffe geflogene „London Blitz“ im September 1940, Bomben der Royal Air Force zerstörten die Düsseldorfer Galerie 1943 und  von der Berliner Galerie sind keine Geschäftsunterlagen überliefert. So sind 76 Jahre nach Alfred Flechtheims Tod und trotz mehrjähriger Forschung im internationalen Verbund nicht alle Wege seiner Kunstwerke restlos geklärt. 

Aktuelles

Forschungsverbund Provenienzforschung Bayern

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sind Gründungsmitglied des Forschungsverbundes Provenienzforschung Bayern, den das Bayerische Kultusministerium im Mai 2015 eingerichtet hat. Der Verbund soll die Provenienzforschung in Bayern durch eine intensivere Kooperation voranbringen. Dazu werden u.a. wichtige Aktenbestände aus beteiligten Einrichtungen digital erschlossen und dem Verbund zugänglich gemacht. Über eine digitale Plattform sollen relevante Daten und Fakten für alle beteiligten Forscher zur Verfügung stehen. Gleichzeitig soll auch die Ausbildung im Bereich der Provenienzforschung gestärkt werden. Als Gründungsmitglieder des Verbunds sind neben den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, dem Bayerischen Nationalmuseum, der Bayerischen Staatsbibliothek, der Staatlichen Graphischen Sammlung München und der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns auch das Zentralinstitut für Kunstgeschichte, das Institut für Kunstgeschichte der LMU München, das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin sowie die Landesstelle für die nicht-staatlichen Museen in Bayern vorgesehen. Weitere bayerische öffentliche Einrichtungen können sich dem Verbund anschließen.

Zur offiziellen Pressemitteilung

Neuerscheinung 1

Johannes Gramlich: Überweisungen aus Staatsbesitz (in Vorbereitung)

In den Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gelangten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs rund 900 Kunstgegenstände, die zuvor hochrangigen Funktionären und Organisationen der NSDAP gehört hatten – darunter Werke aus den ehemaligen (Privat )Sammlungen von Adolf Hitler, Hermann Göring, Martin Bormann, Heinrich Hoffmann und Hans Frank, aber auch vormaliger Kunstbesitz der Parteikanzlei, der Verwaltung Obersalzberg und des Parteiforums Berchtesgaden. Auf Basis alliierter Direktiven konnte sich der Freistaat Bayern diese Objekte vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren als Eigentum übertragen und an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen überweisen. Das Buch rekonstruiert, analysiert und verschriftlicht das Projekt den Gesamtprozess des mehrstufigen Vermögenstransfers von den Nationalsozialisten über die Alliierten zum Freistaat Bayern und zu den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Die Drucklegung ist für Herbst 2019 vorgesehen. Erste Forschungsergebnisse werden inzwischen in einem Tagungsband, der auf eine Konferenz der Universität Wien vom Mai 2017 zurückgeht, vorgestellt.

Zum Tagungsband

Neuerscheinung 2

Jan Schleusener: „Raub von Kulturgut. Der Zugriff des NS-Staats auf jüdischen Kunstbesitz in München und seine Nachgeschichte“

Im Januar 2015 haben die Landeshauptstadt München, die Städtische Galerie im Lenbachhaus, das Jüdische Museum und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ein Kooperationsprojekt mit dem Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Universität Erfurt, Prof. Dr. Christiane Kuller, vereinbart. Im Rahmen des Projektes hat der Zeithistoriker Dr. Jan Schleusener die Mitte November 1938 in Gang gesetzte Beschlagnahmung von Kunstgegenständen bei jüdischen oder als jüdisch im Sinne der NS-Rassenterminologie angesehenen Kunsthändlern und anderen Eigentümern von Kunst in München und Umgebung untersucht.

Ausführliche Informationen als PDF-Dokument

Publikationen

Publikationen von Dr. Andrea Christine Bambi

- Der Kunstsammler Fritz Salo Glaser, in: Bestandsaufnahme Gurlitt. »Entartete Kunst« ‒ Beschlagnahmt und verkauft. Der NS-Kunstraub und die Folgen (Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bern/Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland 2017/2018), München 2017 [2. überarb. Auflage, München 2018], S. 124‒129.

- Die Sammlung von Sofie und Emanuel Fohn in der Pinakothek der Moderne. Zwischen Profit und Rettung liegt ein schmaler Grat, in Bernhard Maaz (Hrsg.), Jahresbericht der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen 2017, München 2018, S. 168‒181: http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/6066/

- Appell für ein beratendes Gremium in der ethnologischen Provenienzforschung, in: Larissa Förster, Iris Edenheiser, Sarah Fründt, Heike Hartmann (Hrsg.), Provenienzforschung zu ethnografischen Sammlungen der Kolonialzeit, edoc 2018: https://doi.org/10.18452/19029
Johannes Gramlich

- »Jedem der Experten einen Judenhut aufstülpen«. Der ›Expertisenkrieg‹ und die ›Sammlung Schloss Rohoncz‹ in der Neuen Pinakothek 1930, in: Bernhard Maaz (Hrsg.) Jahresbericht der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen 2017, München 2018, S. 182–192: https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/6067/

- Kunstwerke aus NS-Besitz auf dem Weg in die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Amerikanische Restitutionspolitik und bayerische Treuhänderschaft, in: Olivia Kaiser u.a. (Hrsg.) Treuhänderische Übernahme und Verwahrung international und interdisziplinär betrachtet (Bibliothek im Kontext 3), Göttingen 2018, S. 245–260.

- (und Meike Hopp) »Gelegentlich wird Geist zu Geld gemacht« ‒ Hildebrand Gurlitt als Kunsthändler im Nationalsozialismus, in: Bestandsaufnahme Gurlitt. »Entartete Kunst« ‒ Beschlagnahmt und verkauft. Der NS-Kunstraub und die Folgen (Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bern/Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland 2017/2018), München 2017 [2. überarb. Auflage, München 2018], S. 32‒47.
Melida Steinke

- Die Verdrängung und Vernichtung jüdischer Kunsthandlungen, Antiquariate und Antiquitätenhandlungen in München 1933‒1939: https://jauknsmue.hypotheses.org/300
Ilse von zur Mühlen  

- Eine Madonna aus Österreich und eine (nicht nur) Münchner Geschichte: – Ein Beispiel aus der Provenienzforschung, dem neuesten Forschungsfeld des Gefeierten, in: »… Denn das Eigentliche Studium der Menschheit ist der Mensch.« Beiträge aus der Ägyptologie, der Geschichtswissenschaft, der Koptologie, der Kunstgeschichte, der Linguistik, der Medizin und ihrer Geschichte, der Musikwissenschaft, der Philosophie, der Politikwissenschaft, der Provenienzforschung und der Rechtsgeschichte zu Ehren Alfred Grimms anläßlich seines 65. Geburtstags, hrsg. von Barbara Magen, Wiesbaden 2018, S. 372‒389.

- Schloss Tutzing – Ein Ort, zwei Sammlungen und viele Fragen. Ein Zwischenbericht aus der Provenienzforschung, in: Christopher Manuel Galler, Jochen Meiners (Hrsg.), NS-Kunstraub lokal und europäisch: Eine Zwischenbilanz der Provenienzforschung in Celle (Celler Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte. Schriftenreihe des Stadtarchivs und des Bomann-Museums, Bd. 48), Celle 2018, S. 94‒121###.

- Finance, Taxes and Provenance: A German Museum Acquisition of Chinese Antiquities in 1935, in: Journal for Art Market Studies 2/3 (2018): http://www.fokum-jams.org; DOI 10.23690/jams.v2i3.75