Provenienzforschung

Provenienzforschung

Die Provenienzforschung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erstreckt sich auf Kunstwerke, die ab 1933 erworben bzw. inventarisiert wurden und deren Provenienzen unklar sind. Gemäß der Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden (Washington Principles von 1998) prüfen die Staatsgemäldesammlungen ihre Bestände in den Pinakotheken und Zweiggalerien, um festzustellen, ob sich darunter während des Nationalsozialismus unrechtmäßig enteignete Kunstwerke aus ehemals jüdischem Besitz befinden, die restituiert werden können. Zielsetzung ist eine möglichst lückenlose Dokumentation der Provenienzen, die die Aufklärung von Eigentumsverhältnissen erleichtert.

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen betreiben systematische Provenienzforschung seit 1999

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen haben 1999 bis 2002 eine erste, auf drei Jahre befristete Stelle für Provenienzforschung eingerichtet. Ilse von zur Mühlen hat in diesem Zeitraum die Bestände überprüft und für die 125 Werke aus der ehemaligen Sammlung Göring einen Katalog erstellt, der 2004 erschienen ist. 2006 wurden die darin untersuchten Werke wegen Raubkunstverdacht auf www.lostart.de gemeldet. Seit 2008 gibt es ein eigenes Referat für Provenienzforschung, für das eine Konservatorenstelle eingesetzt ist, d.h. die Stelle ist unbefristet. Dr. Andrea Bambi untersucht seitdem die Provenienzen der Werke, die seit 1933 erworben wurden und die vor 1945 entstanden sind.

Die Staatsgemäldesammlungen untersuchen proaktiv 7000 Werke

Das Referat bearbeitet zusätzlich zur systematischen Bestandsrecherche für 7000 Werke (Gemälde und Skulpturen) sowohl eingehende Restitutionsforderungen als auch proaktiv aufgefundene Fälle. Es meldet diese wegen Verdacht auf verfolgungsbedingten Entzug der Internet-Datenbank www.lostart.de (aktuell 437 Meldungen) und tritt – sofern möglich – an die Anspruchsberechtigten heran. Zudem werden provenienzrelevante Vorgänge wie Neuankäufe von vor 1945 entstandenen Kunstwerken, Ausleihen, Datenbankeinträge und Katalogeinträge be- und erarbeitet.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Referats nehmen laufend an Fortbildungen, Workshops und Tagungen zur Provenienz- und Kunstmarktforschung teil. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sind Mitglied im Forschungsverbund Provenienzforschung Bayern und die Forscherinnen und Forscher beteiligen sich aktiv am Arbeitskreis Provenienzforschung e. V..

Die Provenienzrecherche der BSTGS umfasst die Bestände aller drei Pinakotheken und der Zweiggalerien

Rechercheschwerpunkte sind:

›Überweisungen aus Staatsbesitz‹: Bei den sogenannten Überweisungen aus Staatsbesitz handelt es sich um Kunst- und Kulturgegenstände aus den Sammlungen ehemaliger Funktionäre und Organisationen der NSDAP, die vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren auf Basis alliierter Kontrollratsdirektiven an den Freistaat Bayern übereignet wurden. Rund 900 dieser Kunstwerke gelangten daraufhin in den Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, in dem sie aufgrund ihrer Herkunft eines der problematischsten forschungsrelevanten Konvolute bilden. Bearbeitet wird und wurde dieser Bestand von Dr. Florian Wimmer † (von November 2013 bis November 2015), von Dr. Johannes Gramlich (seit 1. Juli 2016) und Anja Zechel M.A. (von November 2012 bis Mai 2017) und Sophie Kriegenhofer (seit August 2018 bis Dezember 2020).

›Klassische Moderne‹: Von März 2015 bis März 2018 wurden 238 ausgewählte Werke der Klassischen Moderne von Johanna Poltermann untersucht. Die Forschungslage zu diesen Werken ist komplex, da sie nicht von den Pinakotheken direkt erworben wurden, sondern zu großen Teilen über Schenkungen in der Nachkriegszeit in die Sammlung kamen. Wichtige Konvolute sind beispielsweise die ehemaligen Privatsammlungen von Woty und Theodor Werner, von Martha und Markus Kruss, von Günther Franke oder auch von Sofie und Emanuel Fohn. Die genannten Sammlungen entstanden teilweise in der Weimarer Republik, in der Zeit des Nationalsozialismus oder auch in der Nachkriegszeit, weswegen die eigentlichen historischen Ankaufsverhältnisse einer kritischen Prüfung unterzogen werden müssen.

›Erwerbungen 1933-1945‹: Die zwischen 1933 und 1945 erworbenen Werke wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit im Münchner Collecting Point auf Raubkunst untersucht, eine zweite grundlegende Überprüfung erfolgte 1999 bis 2002. Seit Sommer 2017 wird dieser gut 950 Werke umfassende Bestand von Anja Zechel und Melida Steinke (seit August 2018 bis Dezember 2020) auf Basis neu zugänglicher Quellen erneut auf Raubkunst überprüft und im Hinblick auf die Provenienzangaben aktualisiert.   

›Erwerbungen nach 1945 bis heute‹: Projektziel war es, im Zuge einer Erstsichtung auf der Grundlage der schriftlichen Überlieferung von Inventaren, Bildakten und unter Berücksichtigung des heute gegenüber den Jahren um 1998/2000 deutlich weiterentwickelten Wissensstandes all jene Werke, die eine klare und in jeder Hinsicht unverdächtige Provenienz aufweisen, von der weiteren Recherche ausschließen zu können. Der hier in Rede stehende Gesamtumfang des Erstchecks betrug über 5000 Werke. Projektbearbeiterin war bis Dezember 2020 Dr. Ilse von zur Mühlen.

Kontakt zu unseren Provenienzforschern

3. INTERNATIONALER TAG DER PROVENIENZFORSCHUNG

Herkunft erforschen in Museen, Bibliotheken und Archiven

Live-Stream mit dem Team der Provenienzforschung an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen

14. April 2021 | 13.00 – 14.00 UHR
Die Veranstaltung findet via Zoom statt: Mit diesem Link treten Sie der Veranstaltung bei

Der Tag der Provenienzforschung ist eine Initiative des Arbeitskreises Provenienzforschung e.V., der über 300 Wissenschaftler*innen und Expert*innen weltweit vernetzt, die sich der Erforschung der Herkunft von Kulturgütern widmen. Archive, Forschungsinstitute und Museen, die mit der Provenienzforschung befasst und im Forschungsverbund Provenienzforschung Bayern organisiert sind, haben zu diesem Tag ein umfangreiches Programm zusammengestellt, das eine interessierte Öffentlichkeit über ihre Arbeit informiert und zu Diskussionen einlädt. Aufgrund der Covid-19-Pandemie finden sämtliche Live-Veranstaltungen und Präsentationen im digitalen Raum statt. Das gesamte Programm finden Sie auf der Homepage des Forschungsverbundes: https://provenienzforschungsverbund-bayern.de/

Es ist uns ein wichtiges Anliegen über die Arbeit der Provenienzforschung an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zu informieren. Hier gaben wir zuletzt Einblicke in unsere Arbeit:

In unserem Blog erscheint zum 3. Tag der Provenienzforschung ein neuer Beitrag, weiterhin finden Sie dort zahlreiche aus dem Referat Provenienzforschung, darunter zu vergangenen Restitutionen oder den Überweisungen aus Staatsbesitz. Zum Blog

Über die Social Media-Kanäle der Pinakotheken wird der Aktionstag unter dem Hashtag #TagDerProvenienzforschung begleitet. 

Eine Übersicht der am Tag der Provenienzforschung teilnehmenden Kulturinstitutionen findet sich auf der Website des Arbeitskreis Provenienzforschung e. V.

Forschungsverbund Provenienzforschung Bayern

 

Online-Buchvorstellung „Begehrt, beschwiegen, belastend“

Johannes Gramlich: Begehrt, beschwiegen, belastend. Die Kunst der NS-Elite, die Alliierten und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen

11.03.2020 | 18-20 Uhr | Online-Buchvorstellung
Aufzeichnung des Livestreams hier abrufbar

Die Publikation „Begehrt, beschwiegen, belastend“ ist im Böhlau-Verlag erschienen: Publikation auf der Website des Verlages

Funktionäre und Organisationen der NSDAP erwarben und raubten in der NS-Zeit Kunstgegenstände, denen als Symbol für Macht und Größe immense Bedeutung im Nationalsozialismus zukam. Die Methoden und Motive, mit denen sie ihre Sammlungen aufbauten, sind in den vergangenen Jahren vermehrt untersucht worden. Wenig ist hingegen darüber bekannt, was mit diesen Kunstwerken nach 1945 geschehen ist.

Johannes Gramlich, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Referat für Provenienzforschung an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, widmet sich dieser Forschungslücke und geht dieser Frage in seiner soeben erschienenen Publikation mit Blick auf den Freistaat Bayern nach, wo die Alliierten 1945 den umfassenden Kunstbesitz von Adolf Hitler, Hermann Göring, Heinrich Hoffmann und anderen Parteifunktionären sicherstellten. Rund 900 Kunstgegenstände aus diesen Kollektionen sind vor allen in den 1950er- und 1960er-Jahren über staatliche Stellen in den Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen eingegangen. Doch auf welcher Grundlage wurden diese Kunstwerke aus NS-Besitz an den Freistaat Bayern übereignet? Wie gingen die Verantwortlichen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und der bayerischen Behörden mit diesem Erbe um? Warum und durch wen wurden einige dieser Objekte seit den 1950er-Jahren an die Familien der NS-Funktionäre zurückgegeben oder an Dritte verkauft? Wie genau hatten zuvor die alliierten Bestimmungen und Praktiken zur Restitution von NS-Raubkunst ausgesehen? Anhand historischer Quellen erforscht die Studie die lange Nachgeschichte des nationalsozialistischen Sammelwahns, die auch eine Geschichte von großer Profitgier, taktischem Schweigen und einem nur verzögert und sehr langsam wachsenden Verantwortungsgefühl ist.Erste Forschungsergebnisse wurden bereits in einem Tagungsband, der auf eine Konferenz der Universität Wien vom Mai 2017 zurückgeht, vorgestellt.

Ausführliche Informationen als PDF Dokument 

Tätigkeitsbericht 2019

Der Forschungsverbund Provenienzforschung Bayern (FPB) legt jedes Jahr einen aktuellen Tätigkeitsbericht über seine umfangreichen Aktivitäten vor. Bernd Sibler, Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, hat den Bericht für das Jahr 2019 am 04. Mai 2020 zusammen mit den beiden Vorsitzenden des Verbundes, Dr. Johannes Gramlich und Dr. Stephan Kellner, vorgestellt: Dem Forschungsverbund gehören 22 Museen, Bibliotheken, Archive und Forschungsinstitute an, die in der Provenienzforschung aktiv sind und im Berichtsjahr 362 Objekte wie Gemälde, Graphiken, Kunsthandwerk, Bücher und Musikinstrumente restituieren konnten.

Der vollständige Tätigkeitsbericht ist auf der Website des Forschungsverbunds Provenienzforschung Bayern zum Download verfügbar.

Dokumentation „Geraubte Kunst“ auf 3sat

Am Samstag, 14. Dezember, um 19:20 Uhr zeigt 3sat die Dokumentation „Geraubte Kunst. Jüdische Sammlungen im Nationalsozialismus“ von Felix von Boehm und Constantin Lieb.

„Geraubte Kunst. Jüdische Sammlungen im Nationalsozialismus“ in der Mediathek von 3sat

Dr. Andrea Bambi, Leitung Provenienzforschung und Kulturgüterausfuhr bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gibt Einblicke in ihre Arbeit und die Recherchen zum Gemälde „Erweckung des Lazarus“, das 2017 restituiert wurde.

Geraubt, zerlegt und verkauft: Jüdische Kunstsammlungen - oft über Generationen zusammengetragen - wurden nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland systematisch enteignet. Anhand ausgewählter Fälle zeigt die Dokumentation von Felix von Boehm und Constantin Lieb, wie der Kunstmarkt nach 1933 von der Zwangslange vieler jüdischer Sammler und Sammlerinnen profitierte und vor welchen Schwierigkeiten die Provenienzforschung bei der Suche nach verlorenen Objekten bis heute steht.

Mitarbeiter:innen

Das Referat Provenienzforschung bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen hat drei Mitarbeiter:innen

Insgesamt drei Personen arbeiten im Referat für Provenienzforschung: Leitung Dr. Andrea Bambi, Kunsthistorikerin, 1 Stelle Vollzeit (Oberkonservatorenstelle); Dr. Johannes Gramlich, Historiker, 1 Stelle Vollzeit (unbefristet); Anja Zechel M.A., Historikerin, 1 Stelle Teilzeit (unbefristet).

Foto: Haydar Koyupinar

Restitutionen

Seit 1998 haben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen 19 Werke aus 11 Sammlungen restituiert.
Hier erhalten Sie weitere Informationen zu den bisherigen Restitutionen

Weitere 5 Werke stehen seit 2019/20 zur Restitution an:

1) Restitutionsantrag der Erben nach Abraham Adelsberger

Josef Wopfner, Fischerboote bei Frauenchiemsee (Inv.-Nr. 12589)

Ein Gemälde von Josef Wopfner gehörte vormals zur Kunstsammlung von Abraham Adelsberger, einem Nürnberger Unternehmer jüdischer Herkunft, der es seinem Schwiegersohn Alfred Isay 1932/33 sicherungsübereignete. Isay emigrierte mit seiner Familie bereits 1933/34 von Köln in die Niederlande. Das Gemälde von Wopfner führte er dabei mit sich. Auch Abraham Adelsberger und seine Familie gerieten unter zunehmenden Verfolgungsdruck im Deutschen Reich. Im Jahr 1939 folgten sie der Familie Isay in die Niederlande, wo Adelsberger am 24. August 1940 im Alter von 77 Jahren verstarb. Die weiteren Familienmitglieder waren im Zuge der deutschen Besatzung wieder von der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik betroffen. Sie mussten untertauchen oder wurden in Konzentrationslager verschleppt. Wann genau Isay das Gemälde von Wopfner verkaufte, konnte nicht geklärt werden. Die Indizien sprachen aber dafür, dass er es zur Zeit der deutschen Besatzung unter dem Druck der Verhältnisse in den Niederlanden veräußerte. Im März 1942 erwarb Martin Bormann das Bild für die NSDAP-Parteikanzlei bei einer Auktion des Münchner Kunstversteigerungshauses Adolf Weinmüller. Auf Basis alliierter Direktiven gelangte das Bild 1956 an den Freistaat Bayern, der es als »Überweisung aus Staatsbesitz« in den Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen gab. Die Recherchen zur Provenienz des Gemäldes konnten bereits 2018 mit einem umfangreichen Dossier abgeschlossen werden. Auf Basis des Dossiers hat das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst in Einklang mit den Staatsgemäldesammlungen bereits Ende 2019 die Restitution des Gemäldes an die Erben nach Alfred Isay entschieden. Im März 2020 sollte die Übergabe des Werks in Räumlichkeiten der Israelitischen Kultusgemeinde in München stattfinden. Aufgrund der Covid-19-Pandemie musste die Veranstaltung abgesagt werden. Die Übergabe des Gemäldes steht weiterhin aus

2) Restitutionsantrag der Erben nach A. S. Drey

Bayerisch um 1480: Hl. Florian (Inv. Nr. 10139)

Das Gemälde gehörte zum Warenbestand der seit dem 19. Jahrhundert bestehenden Kunsthandlung A. S. Drey mit Firmensitzen in München, Paris, Den Haag, New York und London. In München wurde 1911 am Maximiliansplatz 7 ein neues Geschäftshaus nach Plänen von Gabriel von Seidl errichtet. Teilhaber der Firma waren Siegfried Drey, Ludwig Stern, Friedrich Stern, Franz Drey und Paul Drey.  Alle Teilhaber wurden aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt. 1935 erging das Rundschreiben der Reichskammer der Bildenden Künste mit der Ankündigung, das Unternehmen aus der Kammer auszuschließen, und mit der Aufforderung, die Firma aufzulösen. Eine umfangreiche Steuerprüfung der Kunsthandlung 1935/36 ist als Verfolgungsmaßnahme mit dem Ziel der „Arisierung“ zu bewerten. Siegfried Drey wurde durch das Finanzamt gezwungen, eine Unterwerfungserklärung zu unterzeichnen und hohe Steuerforderungen anzuerkennen. Daraufhin wurde ein Teil der Lagerbestände der Kunsthandlung, darunter das in Rede stehende Bild, an das Auktionshaus Paul Graupe in Berlin gegeben, um die Steuerschulden tilgen zu können. Das Werk wurde den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen am 19. August 1936 von der Kunsthandlung Dr. Eduard Plietzsch, Berlin, im Tausch gegen zwei Werke aus dem Museumsbestand angeboten. Der Kunsthändler Plietzsch hatte das Werk im Nachverkauf der Berliner Auktion erworben. Auf Basis des Provenienzberichts des Referats Provenienzforschung hat das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst in Einklang mit den Staatsgemäldesammlungen im Berichtsjahr die Restitution des Gemäldes an die Erben nach A. S. Drey entschieden, die zeitnah stattfinden wird.

3) Restitutionsantrag der Erben nach Carl Hagen

Jacob Ochtervelt, Das Zitronenscheibchen (Inv.-Nr. 16217)

Die Beratende Kommission hat am 1. Juli 2020 eine Rückgabe des Werkes Das Zitronenscheibchen von Jacob von Ochtervelt an die Erben nach Carl Hagen empfohlen. Die Herausgabe des Bildes solle einen Beitrag dazu zu leisten, ein Stück historischen Unrechts anzuerkennen und wiedergutzumachen. Die Empfehlung ist auf der Webseite der Beratenden Kommission abrufbar. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen stehen mit der Familie in Kontakt und bereiten die Restitution vor.

4) Restitutionsantrag der Erben nach Max Stern

Hans von Marées, Ulanen auf dem Marsch (Inv.-Nr. 15010)

Gemeinsam mit dem Holocaust Claims Processing Office (HCPO) stellvertretend für den Max Stern Estate wurde der Fall der Beratenden Kommission vorgelegt. Im August 2019 hat sich die Beratende Kommission mehrheitlich für die Restitution des Werkes ausgesprochen. Die Empfehlung ist auf der Webseite des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste abrufbar. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen haben die Empfehlung vollumfänglich angenommen und bereiten zusammen mit dem HCPO die Rückgabe unter den von der Kommission aufgestellten Bedingungen an den Max Stern Estate vor.

5) Restitutionsantrag der Erben nach Curt Goldschmidt

Lesser Ury, Kinderszene (Inv.-Nr. 14275)

Auf Basis des wissenschaftlichen Dossiers des Referats Provenienzforschung hat das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst in Einklang mit den Staatsgemäldesammlungen im Berichtsjahr die Restitution des Gemäldes an die Erben nach Curt Goldschmidt entschieden, sobald alle Erben vollständig ermittelt werden können.

Fundmeldungen

Die Staatsgemäldesammlungen listen Fundmeldungen auf www.lostart.de.

Wenn sich Raub oder verfolgungsbedingter Verlust nicht gänzlich ausschließen lassen, erfolgt bereits eine Meldung bei der Internetplattform Lost Art. Dort ist der momentane Informationsstand zu den Gemälden öffentlich einsehbar, so dass mögliche Eigentümer ihre Ansprüche geltend machen können. 437 Kunstwerke sind aktuell bei Lost Art (www.lostart.de) einsehbar. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen folgen damit ihrer Verpflichtung der Bestandsüberprüfung nach den Maßstäben der sogenannten Handreichung, auf Basis der Gemeinsamen Erklärung und den Washington Principles (Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden). Diese Zahl erhöht sich ständig und veranschaulicht die ernst gemeinte Bereitschaft der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, ihren Bestand zu überprüfen und Raubkunst zu melden.

Die Recherchen zu den Werken gehen indes weiter. Mit zusätzlichen Quellen versuchen die Provenienzforscher bisherige Lücken zu schließen und die Herkunft des Gemälde und Skulpturen vollständig zu klären. 

Aktuelles

Entscheidung der beratenden Kommission zu Jacob Ochtervelt „Das Zitronenscheibchen“

Im April 2012 hatten die Erbenvertreter des jüdischen Bankhauses Hagen in Berlin einen Antrag auf Restitution des Gemäldes von Jacob Ochtervelt „Das Zitronenscheibchen“ eingereicht, das sich als Sicherheitsübereignung eines nicht jüdischen Schuldners namens Thürling im Tresor der Berliner Bank befand und 1938 durch diese verkauft wurde. Auf Wunsch der heutigen Erbengemeinschaft und im Einvernehmen mit dem vorgesetzten Ministerium für Wissenschaft und Kunst hatten sich die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und die Rechtsvertreter der Erben 2018 an die Beratende Kommission unter dem Vorsitz von Prof. Hans-Jürgen Papier gewandt, um hinsichtlich des Gemäldes eine Einigung zu erzielen, und im Januar 2019 einen entsprechenden Antrag eingereicht. Am 9. März 2020 fand die Anhörung in Berlin statt.

Die Beratende Kommission hat am 1. Juli 2020 eine Rückgabe des Werkes an die Erben nach Carl Hagen empfohlen.

Die Empfehlung ist auf der Webseite der Beratenden Kommission abrufbar.

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen stehen mit der Familie in Kontakt und bereiten die Restitution vor.

 

Entscheidung der Beratenden Kommission zu Hans von Marées „Ulanen auf dem Marsch“

Gemeinsam mit dem Holocaust Claims Processing Office (HCPO) stellvertretend für den Max Stern Estate wurde der Fall der Beratenden Kommission vorgelegt. Im August 2019 hat sich die Beratende Kommission mehrheitlich für die Restitution des Werkes ausgesprochen. Die Empfehlung ist auf der Webseite der Beratenden Kommission abrufbar.

Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen haben die Empfehlung vollumfänglich angenommen und bereiten zusammen mit dem HCPO die Rückgabe unter den von der Kommission aufgestellten Bedingungen an den Max Stern Estate vor. 

Klageabweisung im Fall Flechtheim

Mit Entscheid vom 28. September 2018 hat das von den Erben nach Alfred Flechtheim angerufene US-Bundesbezirksgericht in New York einen vom Freistaat Bayern im eigenen Namen sowie namens der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zuvor eingereichten Antrag auf Klageabweisung gutgeheißen (Vgl. JAHRESBERICHT 2017). Mit dem vorliegenden Entscheid ist das Gerichtsverfahren in New York nunmehr abgeschlossen. Die Klageabweisung erfolgte wegen fehlender Zuständigkeit des US-Gerichts aufgrund der Immunität des Freistaats Bayern gemäß dem US-Gesetz über die Immunität ausländischer Staaten (Foreign Sovereign Immunities Act). Das Gericht hat dabei keine Tatsachenfeststellungen vorgenommen, sondern hat die Klage deshalb abgewiesen, weil die Zuständigkeit des Gerichts selbst dann nicht gegeben gewesen wäre, wenn die Kläger die in ihrer Klageschrift behaupteten Tatsachen hätten nachweisen können.

Klageabweisung im Fall Mendelssohn-Bartholdy

Die Erben nach Paul von Mendelssohn-Bartholdy haben wegen des Gemäldes von Picasso mit dem Titel "Madame Soler" im Jahr 2013 in den USA Klage gegen den Freistaat Bayern eingereicht. Die Klage wurde aufgrund der Staatenimmunität des Freistaats Bayern mangels Zuständigkeit amerikanischer Gerichte in zwei Instanzen zurückgewiesen. Zuletzt hat auch der US-Supreme Court in Washington D.C., das oberste Verfassungsgericht der USA, im Januar 2016 die Klage abgelehnt. 

Neuerscheinung „Raub von Kulturgut“

Jan Schleusener: „Raub von Kulturgut. Der Zugriff des NS-Staats auf jüdischen Kunstbesitz in München und seine Nachgeschichte“

Im Januar 2015 haben die Landeshauptstadt München, die Städtische Galerie im Lenbachhaus, das Jüdische Museum und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ein Kooperationsprojekt mit dem Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Universität Erfurt, Prof. Dr. Christiane Kuller, vereinbart. Im Rahmen des Projektes hat der Zeithistoriker Dr. Jan Schleusener die Mitte November 1938 in Gang gesetzte Beschlagnahmung von Kunstgegenständen bei jüdischen oder als jüdisch im Sinne der NS-Rassenterminologie angesehenen Kunsthändlern und anderen Eigentümern von Kunst in München und Umgebung untersucht.

Ausführliche Informationen als PDF-Dokument

Publikationen

Publikationen von Dr. Andrea Christine Bambi

Publikationen von Dr. Johannes Gramlich 

  • Begehrt, beschwiegen, belastend. Die Kunst der NS-Elite, die Alliierten und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (Schriften der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen 4), Wien u. a. 2021.

  • zusammen mit Stephan Kellner (Hrsg.): Tätigkeitsbericht des Forschungsverbundes Provenienzforschung Bayern 2019, Passau 2020.

  • „Die Zeit drängt & überall sind Schattenseiten“. Die Sammlung Abraham Adelsberger und das Gemälde Fischerboote bei Frauenchiemsee von Josef Wopfner. Erläuterung der Forschungsergebnisse und Restitutionsgrundlagen, in: Bernhard Maaz (Hrsg.), Jahresbericht der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen 2019, München 2020, S. 100–111.

  • Hildebrand Gurlitt auf dem französischen Kunstmarkt. Handel und Bürokratie, in: Andrea Baresel-Brand u. a. (Hrsg.), Kunstfund Gurlitt. Wege der Forschung (Provenire 2), Berlin, Boston 2020, S.48–62.

  • zusammen mit Carola Thielecke: Provenance Research as a Voluntary Obligation, in: Deutsches Zentrum Kulturgutverluste (Hrsg.), Provenance Research Manual to Identify Cultural Property Seized Due to Persecution During the National Socialist Era, 2020, verfügbar unter: https://www.kulturgutverluste.de/Webs/EN/Research/Manual/Index.html (02.02.2021).
  • mit Jochen Meister, Blogbeitrag: Die vier Elemente von Adolf Ziegler (https://www.pinakothek.de/blog/2020-03/31-03-2020-die-vier-elemente-von-adolf-ziegler)

Publikationen von Anja Zechel, M.A. 

  • Blogbeitrag: Provenienzforschung im Homeoffice (https://retour.hypotheses.org/928)
  • Die Lücke war der Beleg, „Ein Restitutionsbericht zum Fall Friedmann“, Jahresbericht der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen 2018, München 2019, S. 176-183.

Alfred Flechtheim

15 Museen zeigen bis März 2014 in Ausstellungen und auf der Website www.alfredflechtheim.com Kunstwerke, die durch ihre Provenienz (= Herkunft) in Verbindung mit den Galerien von Alfred Flechtheim stehen. Die gezeigten Werke sind über verschiedene Wege in die jeweiligen Sammlungen gelangt: einen Teil erwarben die Museen direkt bei Alfred Flechtheim, sei es als Ankauf, Geschenk oder durch seine Vermittlung. Weitere Werke wurden von ihm an Dritte verkauft und gelangten über mehrere Zwischenstationen – meist nach 1945 – in die Museen.

Der Galerist Alfred Flechtheim (1878–1937) gehört zu den bedeutenden Protagonisten der Kunstszene im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Sein Einsatz für den rheinischen Expressionismus, die französische Avantgarde und die deutsche Moderne, die Förderung von Künstlerpersönlichkeiten wie Max Beckmann, George Grosz und Paul Klee haben ihn bereits zu Lebzeiten international bekannt gemacht. Doch die Herrschaft des Nationalsozialismus verändert sein und das Leben seiner Familie drastisch: Im Oktober 1933 muss Flechtheim Deutschland verlassen, als Kunsthändler jüdischer Herkunft wird er öffentlich diffamiert, seine Galerien in Düsseldorf und Berlin werden bis 1935 liquidiert oder von früheren Partnern fortgeführt, noch vorhandenen Kunstbesitz transferiert er ins Ausland, vor allem nach London. Dort stirbt er 1937 im Alter von nur 59 Jahren an den Folgen eines Unfalls. Seine Ehefrau Betty nimmt sich 1941 angesichts ihrer bevorstehenden Deportation das Leben. Die in ihrer Berliner Wohnung verbliebenen Kunstwerke werden beschlagnahmt und gelten als verschollen.

Seit 2009 vermuten die Erben nach Alfred Flechtheim bei zahlreichen Werken mit der Provenienz Flechtheim in Sammlungen von Museen im In- und Ausland einen verfolgungsbedingten Verlust. 2012 und 2013 kam es zu ersten Entschädigungen bzw. Restitutionen an die Erben nach Alfred Flechtheim (Bonn, Köln). Die ProvenienzforscherInnen der Museen versuchen seitdem gemeinsam und auf Grundlage der sogenannten Handreichung zur Umsetzung der 1999 unterzeichneten „Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“, vorliegende Erkenntnisse zu vertiefen und offene Fragen zu beantworten. Diese Recherchen waren der  Ausgangspunkt für das Projekt, das Alfred Flechtheims außergewöhnliches Wirken als Händler der vom Nationalsozialismus diffamierten Künstler, den abrupten Bruch in der Biografie, seine damit verbundenen Verlusterfahrungen und das tragische Schicksal seiner Familie würdigt.

Nicht immer lassen sich Provenienzen von Kunstwerken vollständig dokumentieren, weil durch Verfolgung, Krieg, Flucht und Emigration wichtige Unterlagen verloren gingen oder zum Schutz der Privatsphäre nicht zugänglich sind. Flechtheims Geschäftsunterlagen in der Mayor Gallery vernichtete der von der Deutschen Luftwaffe geflogene „London Blitz“ im September 1940, Bomben der Royal Air Force zerstörten die Düsseldorfer Galerie 1943 und  von der Berliner Galerie sind keine Geschäftsunterlagen überliefert. So sind 76 Jahre nach Alfred Flechtheims Tod und trotz mehrjähriger Forschung im internationalen Verbund nicht alle Wege seiner Kunstwerke restlos geklärt.