Der Gestürzte (M+)

Der Gestürzte

1915 in Berlin entstanden, spiegelt „Der Gestürzte“ Lehmbrucks Erschütterung
über den Ersten Weltkrieg. Im Gegensatz zu den zahllosen naturalistischen Kriegsdenkmälern bezeichnet Lehmbrucks nackter Jüngling mit dem Schwertstumpf in der rechten Hand nicht den Krieger einer bestimmten Nation, sondern ganz allgemein die vom Krieg getötete Jugend Europas. Vornüber gebeugt auf den Knien liegend, bildet der überlebensgroße Jüngling mit seinen gelängten Gliedmaßen eine fragile Brücke, die einen Hohlraum umschließt. Anschaulich wird so der Moment vor dem endgültigen Zusammenbruch. Noch ausharren wollend liegt der Nackte klagend am Boden. Den Gestürzten hat Lehmbruck 1917 auf einer Radierung mit Flügeln versehen und so als gefallenen Genius oder Ikarus gedeutet. Die neben der Antike gleichfalls mitschwingenden christlichen Vorstellungen, der Gedanke an den knienden Christus in Gethsemane oder an eine Pietà, betonen Lehmbrucks nicht ausgeführte Projekte, den „Gestürzten“ denkmalartig in einer Nische mit Dreiecksgiebel aufzustellen. Dieses Ensemble sollte den Titel „Das Leid der Menschheit“ tragen. Lehmbrucks „Gestürzter“ ist der Höhe- und Endpunkt seiner Kunst. Er zeigt die Ohnmacht des Menschen in seiner Zeit und ist persönliches Drama zugleich: Vom Kriegs ge schehen angeekelt, verbrachte Lehmbruck nach kurzem Dienst als Sanitäter die beiden letzten Kriegsjahre in Zürich. Im Winter 1917 kehrte der erst 36jährige „als ein gebrochener Mann schon“ nach Berlin zurück und schied wenige Wochen später freiwillig aus dem Leben.

Wilhelm Lehmbruck (1881 ‐ 1919)