Die Kathedrale (M+)

Odilon Redon

Die Kathedrale, um 1914

Öl auf Leinwand, 92,5 x 73,5 cm
1960 aus Privatbesitz erworben
Inv. Nr. 13080

Details   

Die Kathedrale

"The Prince of Mysterious Dreams" nannte die große Retrospektive in Chicago, London und Amsterdam Odilon Redon. Die Sujets seiner Gemälde, Komposition und Zeichnung seiner Werke wie auch die Verwendung der Farben lassen nicht nur Raum zum Träumen, sondern provozieren - ja, versuchen die Bilder zu bestimmen, die sich vor dem inneren Auge des Betrachters einstellen mögen. Der häufig spannungsvoll inszenierte, freie Raum in seinen Bildern, wie er etwa in Die Kathedrale, Le Vitrail" beispielhaft ist, ist durchaus nicht Leere, sondern zeigt sich bereits bewohnt von Gefühlen und Ahnungen, die widersprüchlich und vor allem eben auch geheimnisvoll sein können. So zeigt "Die Kathedrale" die durchleuchtete und von subtilem Farbenspiel geprägte Fensterrose einer Kirche, deren graubraunes Interieur jedoch zusammen mit der an den linken Bildrand gerückten Pietà eher den Eindruck einer beiläufigen Architekturskizze erweckt. Aber gerade in diesen beiläufigen, hier nachgerade dunkel zu nennenden Schatten der Bildphantasie schmelzen Leid und Erlösung zu einem mystischen Gefühl zusammen, das nicht deskriptiv einem ikonographischen Thema folgt, sondern der individuellen Empfänglichkeit des Betrachters. In diesem Sinn wäre Redon vielleicht in die Nähe von Marc Chagall zu bringen, dessen gefühlvolle Farbmagien par excellence von Träumereien, Gefühlen und verschwiegenen Ahnungen erzählen konnten.

Odilon Redon (1840 ‐ 1916)

Leben und Werk

Geboren am 22. April 1840 in Bordeaux, gestorben am 6. Juli 1916 in Paris. Nach erstem Zeichenunterricht in Bordeaux führte Rodolphe Bresdin Redon in die graphischen Techniken ein; mit Bresdin teilte er seine Vorliebe für geheimnisvolle, irreale Darstellungen. In Paris beschäftigte sich Redon mit Camille Corot, Gustave Courbet, Paul Sérusier und den »Nabis« (Propheten). Wesentlich beeindruckten ihn jedoch Gustave Moreau und Henri Fantin-Latour, die seine phantastisch-symbolistischen Neigungen bestärkten. 1867 stellte Redon erstmals im Pariser Salon aus; 1889 ist er an der Ausstellung der Peintres-Graveurs bei Georges Durand-Ruel beteiligt. Reisen führten ihn nach Belgien, Holland und Italien. Redons antinaturalistische Gemälde, denen ein traumhaft-traumatischer Charakter zu Eigen ist, zeichnet eine zart leuchtende Farbigkeit aus, während die Form bereits Anklänge an die expressionistischen Tendenzen der jüngeren französischen Malerei seit Paul Gauguin erkennen lässt.