An Eviction

An Eviction

Der in Vancouver lebende Künstler Jeff Wall (*1946) wird häufig als „Maler des modernen Lebens“ bezeichnet, aber es ist die Fotografie, deren Anerkennung als zeitgemäße künstlerische Ausdrucksform er seit drei Jahrzehnten entscheidend mitgeprägt hat. Mit Hilfe detaillierter Inszenierungen und fotografischer Manipulationen entwickelt Wall alltäglich anmutende Bilderzählungen, oftmals inszeniert vor der Stadtkulisse von Vancouver, mit denen er allgemeinmenschliche Erfahrungen wie Entwurzelung, Isolation, Rassismus oder Klassenkampf thematisiert. Seine subtil in Szene gesetzten, zugleich an Momentaufnahmen erinnernden Kompositionen greifen auf kunsthistorische Vorbilder zurück und definieren die Gattung des Historienbilds neu, in dessen Zentrum nun aber nicht mehr der Herrscher oder das geschichtliche Ereignis steht, sondern das Individuum und sein Überlebenskampf in einer globalisierten Massengesellschaft. Für die Umsetzung seiner künstlerischen Ideen arbeitet Wall mit Dia-Leuchtkästen, d.h. mit einem Medium, das ursprünglich nicht für die Kunst, sondern für die Reklame entwickelt wurde. Hier ist das Kunstwerk nahezu entmaterialisiert, da es nur bei eingeschaltetem Licht völlig sichtbar ist. Auf diese Weise entwickeln Walls Werke eine magische Präsenz, der zugleich etwas Flüchtiges eingeschrieben ist. 
1988 schuf Wall eine seiner heute bekanntesten Arbeiten, Eviction Struggle (Räumungskampf), die sich mit der existentiellen Erfahrung des Verlustes von Wohnraum auseinandersetzt, der zugleich den Verlust von sozialem Schutz und gesellschaftlicher Stellung nach sich zieht. Fünfzehn Jahre später entschied sich Wall, sein Bild mithilfe digitaler Möglichkeiten zu überarbeiten und in An Eviction (Räumung) umzubenennen. Seine ungewöhnliche Entscheidung erläutert Wall wie folgt: „Als ich das Bild Eviction Struggle 1988 aufnahm, arbeitete ich noch mit dem traditionellen fotografischem Verfahren ohne die digitale Ausrüstung, an die wir uns seither gewöhnt haben. Obwohl mir einige Figuren auf dem Bild sehr gut gefielen, war ich mit anderen nie ganz zufrieden. Ich hatte schon lange erwogen, einige von ihnen zu überarbeiten, insbesondere seitdem ich mit den Computer nutze. Ich hatte noch einige der ursprünglich verworfenen Negativen. 2003 begann ich schließlich, mit diesem Material zu experimentieren, es in das Bild zu integrieren und dieses neu zu gestalten. Die neuen Technologien machen es möglich, fotografische Bilder zu überdenken und gegebenenfalls zu überarbeiten. Das war vor zwanzig Jahren undenkbar. Diese Vorgehensweise ist vergleichbar mit der eines Malers, der sich einem Werk wieder zuwenden kann, das er seit langem für fertig gestellt hielt, um einen neuen Weg zu finden, es zu vollenden. Der Computer erlaubt mir ähnliches mit der Fotografie, in diesem Fall, eine Reihe von Figuren auf einem Bild zusammenzubringen, die zwar alle am selben Tag in derselben Straße fotografiert wurden, aber getrennt voneinander auf verschiedenen Negativen, aus denen ich jetzt das Bild machen kann, das ich damals zu machen hoffte.“

Jeff Wall (1946)

Leben und Werk

Wie kaum ein anderer Künstler seiner Generation hat der Kanadier Jeff Wall, 1946 in Vancouver geboren, wo er heute noch lebt, die Möglichkeiten bildnerischer Gestaltung, die Grenzen zwischen den verschiedenen künstlerischen Gattungen auszuloten versucht. Seine komplex komponierten Werke bewegen sich zwischen Dokument und Inszenierung, zwischen Fiktion und Realität und definieren das Fotografische als Bild neu. Jeff Walls genuiner Beitrag zur Kunst unserer Zeit ist die Formulierung einer neuen Bildvorstellung. Mit großformatigen Dia-Leuchtkästen hat der Künstler eine neuartige, der Werbung entlehnte Objektform in die Kunst eingeführt, die alle Gattungsgrenzen überschreitend zwischen Fotografie (Bildmedium), Malerei (kunsthistorisches Vorbild), Skulptur (raumgreifend), Film (Inszenierung) und Fernsehen (Leuchten) oszilliert. Thema seiner opulenten Bildfindungen ist dabei immer die conditio humana, wie sie der Mensch im ausgehenden 20. Jahrhundert erlebt: Entwurzelung, lsolation, Rassismus, Verstädterung oder soziale Ungerechtigkeit. Wall schreibt dabei nicht nur die malerische Tradition durch das Medium Fotografie fort, sondern er verortet zugleich die Fotografie innerhalb der Kunstgeschichte. Von Beginn an arbeitete Jeff Wall mit den Mitteln der inszenierten Fotografie, führte aber zugleich die medienspezifische dokumentarische Tradition weiter. Diese nur auf den ersten Blick widersprüchlichen künstlerischen Konzepte verbindet er in Werken wie An Eviction oder A Villager from Aricaköyü arriving in Mahmutbey, Istanbul auf kongeniale Weise und schafft zeitgemässe Historienbilder, in deren Zentrum nicht mehr der Herrscher oder das geschichtliche Ereignis steht, sondern das Individuum und sein Überlebenskampf in einer globalisierten Massengesellschaft. Mit Jeff Walls Werk, gefolgt von der sogenannten Düsseldorfer Schule, konnte sich die Fotografie in den letzten drei Jahrzehnten als zentrales Bildmedium der zeitgenössischen Kunst positionieren. Doch trotz seines großen Einflusses und Bekanntheitsgrades bezieht Jeff Wall bis heute eine singuläre Position innerhalb der jüngsten Kunstgeschichte. In einer Person Künstler wie Kunsthistoriker vereinend hat er eine individuelle innere Akademie ausgebildet, ein weit verzweigtes Geflecht von ästhetischen, theoretischen und philosophischen Bezugspunkten, aus dem heraus er seine ebenso eigenwilligen wie einzigartigen Kompositionen entwickelt. Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit erweist sich sein Werk als nicht kopierbar.