2 Köpfe auf Sockel Nr. 1

2 Köpfe auf Sockel Nr. 1

Fast zwei identische, kahl geschorene Männerköpfe, physiognomisch präzise charakterisiert und dennoch künstlich in der Wirkung, ziehen den Blick in ihren Bann, werfen Fragen auf, die Denkprozesse anregen: Sind es Doppelgänger ihrer selbst oder ist der eine Schatten des anderen? Was "schmeckt" der rechte Mann, der am Hinterkopf seines Zwillings leckt? Handelt es sich um ein aus dem Ruder gelaufenes, homoerotisches Szenario, bei dem das Gefühl sinnlichen Vergnügens auf der Strecke bleibt? Oder täuscht auch dieser Eindruck, denn wurde dem hinteren Mann nicht brutal die Zunge aus dem Rachen geschnitten und dann umgekehrt in den Mund gesteckt? Die darin zum Ausdruck kommende Aggressivität wird durch das Motiv der abgeschlagenen Köpfe potenziert: Man fühlt sich an Horrorszenarien, an perverse Rituale, an Foltermethoden erinnert. Durch die zerfließende, diffuse Materialität des Wachses und die ungesunde Farbigkeit - ein penetrantes, leicht schmutziges Rosa im linken, ein morbides Grün im rechten Kopf - sowie durch die geschlossenen Augen verstärkt sich das Irreale und zugleich Albtraumhafte der Darstellung. Man spürt intuitiv, wie sehr das von der Skulptur ausgelöste Unbehagen Probleme unserer Gegenwart in ihrem Nerv trifft. Das manifestiert sich auch in den empfindlichen Überreaktionen, die dieses Werk von Bruce Nauman oft hervorruft. Der Anblick wird als Zumutung empfunden, als unstatthafte Konfrontation mit einer Realität, der man sich zu stellen weigert. Kunst muss zwar längst nicht mehr nur schön im herkömmlichen Sinne sein. Aber hier ist offensichtlich eine Grenze überschritten, ein Tabu verletzt worden, das Privates schützt. Die beiden Köpfe schaffen keine Distanz, sondern konfrontieren uns mit uns selbst. Darin liegt ihre immense, Furcht einflößende Kraft.

Bruce Nauman (1941)

Leben und Werk

Der 1941 in Fort Wayne im US-Bundesstaat Indiana geborene Bruce Nauman ist einer der vielseitigsten Künstler der vergangenen fünfzig Jahre und gehört zu jenen, die sich nur schwer in künstlerische Kategorien einordnen lassen. Er studierte nicht nur Kunst, sondern auch Naturwissenschaften. Technisch beherrscht er die Malerei und das Zeichnen ebenso wie die Bildhauerei und neuere Medien. Häufig setzt er auf Provokation, spielt aber auch mit stilleren konzeptualistischen oder interdisziplinären Bezügen. Wie kaum ein anderer hat Nauman in seiner bisherigen Arbeit die Themen und Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst und damit den Kunstbegriff selbst erweitert.