Versuchung (Triptychon: Mittelteil) (M+)

Max Beckmann

Versuchung (Triptychon: Mittelteil), 1936/37

Öl auf Leinwand, 200,5 x 170,5 cm

Inv. Nr. 14486

© VG Bild-Kunst, Bonn 2016

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Versuchung (Triptychon: Mittelteil)

Die „Versuchung“, das zweite von insgesamt neun Triptychen des Künstlers, die im dreiteiligen Aufbau bewusst eine sakrale Pathosformel zur Bedeutungssteigerung verwenden, verdeutlicht in programmatischer Form das komplizierte weltanschauliche Gedankengebäude Beckmanns, sein durch unterschiedlichste Quellen geprägtes religiös-philosophisches Anliegen. Das Triptychon entstand in Berlin zur Zeit der Aktion „Entartete Kunst“; schon seit längerer Zeit hatte Beckmann nicht mehr ausstellen dürfen und seine Arbeitsbedingungen wurden zunehmend erschwert. Der Titel des Triptychons und einige Bildmotive verweisen auf Gustave Flauberts „Die Versuchung des heiligen Antonius“, ein Buch, das Beckmann genau kannte. Mystik und Gnostizismus sind bei Flaubert zu einer vielschichtigen Abfolge vorchristlicher Gottheiten und Religionen verarbeitet, durch die Antonius in immer neue Versuchungen verstrickt wird. Bei Beckmann wird die damit verbundene Unfreiheit sinnfällig im Motiv der Fesselung zum Ausdruck gebracht. Der Jüngling im Mittelteil sowie die beiden aufrecht stehenden Frauen in den Seitenflügeln sind dieser direkten Form der Versklavung unterworfen, während der ekelhafte Kopffüßler links und die angeleinte Kriechende rechts nicht nur auf einer psychisch niedrigeren Stufe stehen, sondern auch auf einer physisch gewissermaßen herabgesetzten Ebene misshandelt werden. In Bezug auf die drei Gefesselten beziehungsweise den in einen Käfig Gesperrten erscheint ein Faktor besonders aufschlussreich: Über allen liegt Melancholie und stille Resignation, durch die das Thema „Versuchung“ eine Wendung in ein Mit-sich-Geschehenlassen erfährt. Die von der Kritik immer wieder als der
Versuchung erlegen interpretierten Frauen wirken kaum wie die Opfer ihrer
Leidenschaft, sondern vermitteln eher den Eindruck apathischen Gewährenlassens, ohne dass sie dadurch allerdings als psychisch Gebrochene erscheinen. Noch offensichtlicher wird dies bei dem Jüngling, der ja nicht als von Versuchungen gepeinigt charakterisiert ist, dessen sehnsuchtsvoll die Frau umschließender Blick vielmehr Trauer und Resignation enthält. Nirgendwo wird hier auch nur der Ansatz von Leidenschaftlichkeit und Un mittel barkeit erkennbar, wie es das Thema nahe legen würde. Eher herrschen der Eindruck stillen Erduldens und ein Gefühl von Unausweichlichkeit, das sich bei den Frauen zu dem mit einem gewissen Überdruss verbindet. Das Schicksal des Menschen, immer an die Materie gebunden, nie wirklich frei zu sein, wird hier als ausweglos konstatiert, und obwohl die Protagonisten dies zumindest zu ahnen scheinen, sind ihr Stolz und ihre Würde nicht gebrochen. Die bemitleidenswert jämmerlichen Geschöpfe der frühen Bilder sind frei denkenden und frei ihr Schicksal annehmenden Menschen gewichen. Der positive Aspekt der Versuchung liegt damit nicht in der Andeutung eines möglichen Auswegs aus dieser existenziellen Unfreiheit, sondern in der Aura psychischer Unberühr barkeit, welche die de facto versklavten Figuren umschließt. Nicht in Trotz oder wildem Aufbegehren, sondern in dieser stolz erduldenden Haltung scheint Beckmanns geringe Hoffnung in einer Zeit gelegen zu haben, in der die Un frei heit der menschlichen Existenz in der Barbarei des Nationalsozialismus physisch greifbare Realität wurde. Der manchmal
fast an den Bereich der Satire gren zende Zynismus, wie er unter anderem in „Vor
dem Maskenball“ beobachtet werden kann, wie auch die damit einhergehenden
anatomischen Verzerrungen, die vollgestopften, be klemmend winzigen
Kastenräume sind jetzt Figurationen gewichen, die in jeder Beziehung wahrscheinlicher wirken, wie verschlüsselt auch immer das Geschehen sein
mag, das sich darin vollzieht. Das Geheimnis entsteht nun aus den einzelnen Dingsymbolen und deren Verbindung untereinander. Waren die Figuren früher selbst unwissend, so scheint es sich jetzt oft so zu verhalten, dass die Beteiligten in Beckmanns Bilddramen ihr Schicksal durchaus kennen, dass uns der Bildsinn jedoch verschlossen bleibt.

Max Beckmann (1884 ‐ 1950)

Max Beckmann

Selbstbildnis in Schwarz, 1944

Öl auf Leinwand, 95 x 60 cm

Inv. Nr. 10974

© VG Bild-Kunst, Bonn 2016

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Max Beckmann

Frau mit Mandoline in Gelb und Rot, 1950

Leinwand, 92 x 140 cm

Inv. Nr. 15253

© VG Bild-Kunst, Bonn 2016

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Max Beckmann

Großes Stilleben mit Fernrohr, 1927

Öl auf Leinwand, 140,7 x 200 cm

Inv. Nr. 13454

© VG Bild-Kunst, Bonn 2016

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