Stillleben mit Geranien (M+)

Henri Matisse

Stillleben mit Geranien, 1910

Öl auf Leinwand, 93 x 115 cm

Inv. Nr. 8669

© Succession H. Matisse/VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Details   

Stillleben mit Geranien

Hugo von Tschudi gab dieses Bild durch Vermittlung des Malers Hans Purrmann,
der wesentlich zur Verbreitung der künstlerischen Vorstellungen von Henri Matisse in Deutschland beitrug, 1910 in Auftrag. 1912 kam es mit Hilfe der Tschudi-Spende nach München und war damit eines der ersten Gemälde des Künstlers in öffentlichem Besitz. 1955 wurde „Stilleben mit Geranien“ auf der ersten documenta in Kassel gezeigt, was die Relevanz des Werks für die Moderne verdeutlicht. Das Gemälde führt exemplarisch den dekorativen Flächenstil vor, den Matisse nach formal nervösen Anfängen in seiner mittleren Schaffensperiode entwickelt hatte. In dieser Zeit begann sich der Fauvismus auf zulösen, und der Analytische Kubismus nahm bereits in der künstlerischen Avantgarde die beherrschende Position ein. Die Komposition ist betont auf das Bild als zweidimensionale Fläche bezogen, illusionistische Raumeindrücke sind weitgehend vermieden. Im Vordergrund steht die farbige Gestaltung, aus ihr allein wird das Bild verständlich. Die gegenständlichen Motive wirken in erster Linie als Farbformen, die das Gemälde als Fläche gliedern, nicht als plastische, raumbeanspruchende und -verdrängende Körper. So werden zum Beispiel der drapierte
Stoff durch die davon unabhängige Musterung und die bunte Keramikvase zu eher ornamentalen, ihrer eigentlichen stofflichen Funktion enthobenen Flächen, die das Gemälde diagonal in zwei gleichwertige Bereiche gliedern. Auffallend ist zudem das Fehlen einer eindeutig bestimmbaren Lichtquelle. Die einzelnen Farbflächen leuchten vielmehr aus sich heraus und lassen im Zusammenhang des Bildganzen eine gleichmäßige, jedoch nicht illusionistische Lichthaltigkeit entstehen. In der formalen und farblichen Ausgewogenheit der Komposition scheint Matisse seiner Wunschvorstellung sehr nahe gekommen zu sein: „Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts und der Reinheit, von einer Kunst der Ruhe, ohne ein aufregendes oder voreinnehmendes Sujet […].“

Henri Matisse (1869 ‐ 1954)