Liegendes Mädchen (M+)

Erich Heckel

Liegendes Mädchen, 1909

Öl auf Leinwand, 96,5 x 121,2 cm

Inv. Nr. 11341

© VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Details   

Liegendes Mädchen

Dieses so farbenfrohe Bild einer liegenden Nackten, das an die ab 1907 entstandenen
liegenden Odalisken von Henri Matisse erinnert, belegt den ab 1908 einsetzenden
Einfluss der Fauves auf die Künstler der Brücke. Während sich jedoch bei Matisse die schönlinige Kontur seiner weiblichen Akte mit den Ornamenten von Sofa und Tapeten zu einem dekorativen Wohlklang von äußerster Eleganz zusammenfügt, vergegenwärtigt Erich Heckels mit schnellen und leichten Pinselstrichen gemaltes Bild die Vitalität von Jugend, Licht und Leben. Im Unterschied zu den Fauves zeigt also Heckels „Liegendes Mädchen“ weniger eine kultivierte denn eine hell strahlende, vehemente Lebensfreude. Der braungelbe Körper der Frau ruht inmitten des furios in Gelb, Grün und Rot gemalten Interieurs auf dem weißgrün gestreiften Sofa wie in einer bergenden Muschel. Überaus kühn und sparsam in seinen malerischen Mitteln ist Heckels Darstellung des Sofas. Das Streifenmuster wie die Rundung des Möbels sind nur durch einige spontan hingesetzt wirkende Pinselstriche gegeben. Dieses Interieur unterscheidet sich geradezu provokativ von der lichtgeschützten Wohlanständigkeit
bürgerlicher Wohnzimmer des wilhelminischen Kaiserreichs. Eine solche Aufkündigung bürgerlicher Werte ist kennzeichnend für die Lebenswelt der Brücke-
Künstler. Nicht nur aus Kostengründen hatten sie ihre Ateliers in den Arbeitervierteln
von Dresden, wo sie sich dem unverfälschten Leben am nächsten glaubten. So zeigt Heckels Arkadien in einem Dresdener Atelier den gleichen Einklang von Mensch und Umgebung wie seine zahlreichen Badenden in freier Natur, die Heckel während der Ausflüge mit den Freunden nach Dangast und an die Moritzburger Seen gemalt hat. Wichtig für die arkadische Stimmung des „Liegenden Mädchens“ ist ferner Heckels Italienreise und die folgenreiche Begegnung mit der etruskischen Kunst im Frühjahr 1909, die zur Aufhellung seiner Palette wie zur flächigen Vereinfachung der Kompositionen führte.

Erich Heckel (1883 ‐ 1970)