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10.07.2026 | Theresa Gatarski

Lehrprojekt „Kunstgeschichte auf Wikipedia?! Hauptwerke der Staatsgalerie Schleißheim“

Die barocken Gemälde der Staatsgalerie Schleißheim sind prachtvolle Zeugnisse einer Epoche voller Inszenierung, Pathos und malerischer Virtuosität. In einem Lehrprojekt hatten Studierende der LMU die Gelegenheit, Werke der Staatsgalerie nicht nur kunsthistorisch zu erforschen, sondern ihr Wissen auch einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Die Schlossanlage Schleißheim zählt zu den größten und eindrucksvollsten Residenzen der Wittelsbacher in Bayern. Insbesondere das Neue Schloss mit seinen Gartenanlagen ist aufgrund seiner Lage vor den Toren der Stadt wohl eine der am meisten unterschätzten Sehenswürdigkeiten in der Umgebung von München. Das barocke Prunkschloss, das sich der politisch ambitionierte Kurfürst Max Emanuel als Sommerschloss errichten ließ, war seit seiner Vollendung stets ein wichtiger Ort für den Bilderschatz der Wittelsbacher.

Neues Schloss Schleißheim, © Bayerische Schlösserverwaltung (Foto: Maria Scherf/ Andrea Gruber)

Max Emanuels bayerisches Versailles – ein Schloss für seine Kunstsammlung

Max Emanuel orientierte sich beim Entwurf der Schlossanlange an seinem großen Vorbild, dem französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. Aufgrund seines Fokus auf das Sammeln und Ausstellen von Kunst als wesentlichem Bestandteil seiner Repräsentationspflichten als Herrscher platzierte der Kurfürst seine Gemäldegalerie im Zentrum des Neuen Schlosses.

Die 57 Meter lange „Grande Galerie“, die am Vorbild der Versailler Spiegelgalerie orientiert ist, dient als Verbindungstrakt zwischen den Paradeappartements des Kurfürsten und der Kurfürstin und war somit ein wichtiger Bestandteil des Hofzeremoniells. Seit ihrer Restaurierung und Neueinrichtung im Jahr 2001 vermittelt die „Grande Galerie“ mit ihrer barocken Hängung auf kostbarem rotem Seidendamast wieder den ursprünglichen Raumeindruck.

Die 57 Meter lange „Grande Galerie“ ist nach dem Vorbild der Versailler Spiegelgalerie konzipiert.

Heute sind insgesamt über 200 hochkarätige Gemälde der Barockzeit in den historischen Prunkräumen des Schlosses ausgestellt. Als sogenannte „Staatsgalerie im Neuen Schloss Schleißheim“ gehören sie zu den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und ergänzen die in der Alten Pinakothek ausgestellten Bestände europäischer Barockmalerei. Alle europäischen Schulen des 17. und 18. Jahrhunderts sind hier mit bedeutenden Werken vertreten. Zu entdecken gibt es Meisterwerke von Peter Paul Rubens, Nicolas Poussin, Luca Giordano, David Teniers d.J., Joachim von Sandrart und vielen mehr.

Kunstgeschichte für alle zugänglich machen

Der Wunsch, das Neue Schloss und seine Kunstschätze einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und gleichzeitig angehenden Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern eine Möglichkeit zu bieten, sich an originalen Werken zu erproben und das wissenschaftliche Handwerkszeug der Museumsarbeit aus mehreren Perspektiven kennenzulernen, war im Wintersemester 2025/26 der Anlass für eine von Henry Kaap (LMU) und Theresa Gatarski (BStGS) initiierte Seminar-Kooperation zwischen dem Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

Im Zentrum des von Henry Kaap geleiteten Lehrprojekts „Kunstgeschichte auf Wikipedia?! Hauptwerke der Staatsgalerie Schleißheim“ stand die Frage, wie sich kunsthistorisches Wissen für Wikipedia als einer der wichtigsten Wissensplattformen der Gegenwart so aufbereiten und vermitteln lässt, dass es über Universität und Museum hinaus öffentlich sichtbar wird.

Museumsarbeit in der Praxis

Bei einem ersten Besuch im Neuen Schloss und der Staatsgalerie Schleißheim führten Mirjam Neumeister, Sammlungsdirektorin der Alten Pinakothek, und Theresa Gatarski, wissenschaftliche Mitarbeiterin für Kunstvermittlung in den Staatsgalerien, die Studierenden an zentrale Werke und ihre Präsentationszusammenhänge heran. Dabei wurde deutlich, dass die ausgewählten Gemälde nicht nur als Einzelobjekte zu betrachten sind, sondern als Bestandteile einer historisch gewachsenen Sammlung, deren Sichtbarkeit wesentlich auch von Vermittlung und Kontextualisierung abhängt.

Beim zweiten Besuch erweiterten Carolin Vogt, leitende Restauratorin für die Staatsgalerien, und Klaus Grubauer, Verwaltungsvorstand der Schloss- und Gartenverwaltung Schleißheim, diese Perspektive um konservatorische, räumliche und institutionelle Fragen. Gerade bei Werken wie Pietro Liberis Angelika und Medor oder einer Kopie der Büßenden Magdalena nach Guido Reni wurde so erfahrbar, wie eng kunsthistorische Interpretation, materielle Erhaltung und Präsentation am historischen Ort miteinander verbunden sind. Die Studierenden lernten die Gemälde auf diese Weise nicht nur als Gegenstand wissenschaftlicher Beschreibung kennen, sondern auch als Objekte, deren heutige Wahrnehmung das Ergebnis kuratorischer, restauratorischer und denkmalpflegerischer Entscheidungen ist.

Kunstwissenschaften auf Wikipedia

Anschließend erarbeiteten die Studierenden im Rahmen des Seminars, mit Unterstützung von Akteurinnen und Akteuren der Wikipedia-Community (kuwiki, WikiMUC), Wikipedia-Texte zu ausgewählten Werken der Staatsgalerie. Im Mittelpunkt standen Gemälde, die die historische und künstlerische Bandbreite der Staatsgalerie im Neuen Schloss Schleißheim eindrucksvoll sichtbar machen – darunter Johann Heinrich Schönfelds Ecce Homo, Guido Cagnaccis Schmerzhafte Muttergottes, Francesco Furinis Tod der Rahel, Giovanni Benedetto Castigliones Haustiere und Gerätschaften, Thomas Willeboirts Heiliger Cäcilie oder auch ein Lautenspieler, welcher in der Nachfolge Caravaggios steht. Auch ganze Werkgruppen wie Joachim von Sandrarts Serie der Monatsbilder wurden im Rahmen des Projekts für Wikipedia erschlossen. Die entstandenen Beiträge machen ausgewählte Hauptwerke der Staatsgalerie dauerhaft im digitalen öffentlichen Wissensraum sichtbar.

Die Rückmeldungen der Studierenden zeigten, dass die besondere Qualität des Lehrprojekts in der engen Zusammenarbeit der Institutionen lag. Insbesondere die Einblicke in die restauratorische und kuratorische Praxis – von Fragen der Sammlungspräsentation bis zu konservatorischen Herausforderungen – machten einen nachhaltigen Eindruck.


Beitrag von

Theresa Gatarski ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Bildung und Vermittlung und dort für den Bereich Staatsgalerien zuständig