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28.08.2026 | Charlotte Price

Die Malerinnen der Neuen Pinakothek

Im späten 19. Jahrhundert war München ein bedeutendes Zentrum für die Ausbildung von Künstlerinnen. Obwohl ihnen der Zugang zur Kunstakademie bis 1920 offiziell verwehrt war, blühte ein Netzwerk aus Privatschulen und Ateliers auf, das weibliche Talente förderte, die die Akademie nicht anerkennen wollte. Ihre Stile waren vielfältig, von Stillleben in der Tradition der Alten Meister bis zur Pleinair-Malerei in der bayerischen Landschaft. Diese Generation von Künstlerinnen hat die Sammlung der Neuen Pinakothek nachhaltig geprägt, doch ihre Werke sind bislang wenig bekannt. Heute werfen wir einen genaueren Blick auf sie.

München, Ort des Lernens

Bis 1914 gab es in München fast 60 private Kunstschulen, viele davon offen für Frauen mit den nötigen Mitteln. Ein zentraler Bestandteil der Ausbildung war das Kopieren der Alten Meister, wofür die Alte Pinakothek reichen Stoff bot.

Emilie von Palmenberg (1864-1931), Kopistin in der Alten Pinakothek, um 1905
Peter Paul Rubens (1577-1640), Helene Fourment mit ihrem erstgeborenen Sohn Frans, um 1632

Emilie von Palmenberg (1861-1934) kam aus Baden-Baden nach München, um bei Franz von Lenbach zu studieren. In der Alten Pinakothek kopierte sie u. a. Werke von Rubens. Dieses Gemälde zeigt eine Kopistin bei der Arbeit an Rubens' „Helene Fourment mit ihrem erstgeborenen Sohn Frans" (1632). Später zog sie jedoch ein kritisches Fazit: „Ich habe jahrelang alte Meister kopiert. Aber ich glaube nicht, dass ich dabei Wesentliches gelernt habe. Ich hatte große Mühe, wieder klar zu sehen." Größeren Erfolg fand sie mit ihren impressionistisch angehauchten Parkcafé-Szenen, die an Max Liebermann erinnern.

Emilie von Palmenberg (1864-1931), Parkcafé II, vor 1931

Freundschaften und internationale Netzwerke

Münchens Bildungsmöglichkeiten zogen Frauen aus ganz Europa an, die dort dauerhafte Freundschaften und Netzwerke knüpften – wie Bertha Wegmann (1847-1926), die später zu einer der berühmtesten Porträtmalerinnen Dänemarks wurde. Ihre früheste Ausbildung erhielt sie bei der Münchner Genremalerin Agathe Röstel (1833-1917), mit der sie eng befreundet war, ebenso wie mit der Schwedin Jeanna Bauck (1849-1926). Mit Bauck gründete Wegmann später ein gemeinsames Atelier für Frauen, bevor beide nach Paris zogen. Wegmanns Bildnis ihrer Freundin Röstel, eines ihrer frühesten bekannten Porträts, zeugt von ihrer Fähigkeit, den Ausdruck ihrer Modellin feinfühlig einzufangen.

Bertha Wegmann, Die Malerin Agathe Röstel, 1879

Die Blumenmalerei als eigenes Terrain

Die Blumenmalerei galt lange als „passende" Fertigkeit für Frauen – dekorativ, unbedenklich, eher dem Kunstgewerbe als der ernsthaften Malerei zugeordnet. Doch eine Generation von Frauen machte sich diese enge Nische zu eigen und verband Stillleben-Struktur mit lockerem, modernem Pinselstrich.

Olga Weiß (1853-1903), Blumenstillleben (Herbstzeitlose), vor 1903

An der Kunstgewerbeschule nahm dieser Wandel im Klassenzimmer Gestalt an. Olga Weiß (1853-1903), Assistentin von Heinrich Stelzner, unterrichtete dort ab 1879 Stillleben- und Blumenmalerei. Zu ihren Schülerinnen zählten Johanna von Destouches (1869-1956) und Frieda Erhardt (1867-1904), die ihren Ansatz weiterführten.

Johanna von Destouches (1869-1956), Chrysanthemen, vor 1940

Über die Schulen hinaus fanden Feldblumen eine größere Bühne im Münchner Glaspalast. Anna Peters (1843-1926) und, am berühmtesten, Olga Wisinger-Florian (1844-1926) zeigten dort ihre Feldblumen – locker, atmosphärisch, voller Bewegung. Beide Werke gelangten im Anschluss in die Sammlung des Museums.

Anna Peters (1843-1926), Feldblumen, um 1890
Olga Wisinger-Florian (1844-1926), Feldblumen am Wasser, um 1888

Mutterschaft neu gedacht

Mutterschaft war ein beliebtes Thema für Künstlerinnen wie Dora Hitz (1853-1924) und Mary Cassatt (1844-1926) – vertraut, erwartet, und doch reif für eine Neuerfindung. Marie Bertuchs (1851-1932) Gemälde fängt diesen Wandel ein: Mütter mit Neugeborenen ruhen in einem Krankenhausgarten, dargestellt in weichen Pastelltönen und lockerem Pinselstrich. Indem sie die Szene ins Freie verlegt, befreit Bertuch das Motiv von jeglicher Klinik-Kälte und bietet stattdessen ein modernes, hygienisches Ideal der Geburt – zugänglich für die bürgerlichen Frauen ihrer Zeit.

Marie Bertuch (1851-1932), Im Mütterspital, 1909

Aufbruch in die Weite: Die Freilichtmalerei

Das Land bot Künstlerinnen, die in geschlossenen Ateliers ausgebildet worden waren, echte Freiheit abseits der Akademie. Tina Blau (1845-1916) ging voran, sie malte direkt nach der Natur an den Orten, wo Stadt und Land aufeinandertrafen – in der Krieau und rund um Wiener Neustadt – und wurde zu einer der wegweisenden Freilichtmalerinnen ihrer Zeit. Später ließ sie sich in München nieder, wo sie ab 1889 an der Malschule des Künstlerinnenvereins (Damenakademie) Landschaftsmalerei unterrichtete.

Tina Blau (1845-1916), Aus Fischau bei Wiener Neustadt, um 1879
Tina Blau (1845-1916), In der Krieau, wohl 1883

Ihre Schülerinnen übernahmen denselben Drang, die Stadt zu verlassen. Margarethe von Kurowski (1853-1907), ausgebildet an der Damenakademie, fand ihr eigentliches Sujet auf dem Land bei Dachau. Dort malte sie Frauen aus der Umgebung als großformatige, ganzfigurige Gestalten – Gesichter, die Kritiker als im Alltag „nicht schön" bezeichneten, und dennoch von auffallender Präsenz, gerahmt von Birken und goldenen Feldern.

Margarethe von Kurowski (1853-1907), Bauernmädchen am Gehöftzaun, vor 1907

Marie Bischoff (1874-1961), ebenfalls Schülerin der Damenakademie, ging noch weiter. Unter dem Einfluss von Leo Putz brachte sie den Akt ins Freie – ein gewagter Schritt für eine Künstlerin. Ihre halb entkleidete Figur, am Ammersee wie in Bewegung erfasst, löst die akademische Konvention in lockeren, sonnendurchfluteten Pinselstrich auf: ein Körper, buchstäblich befreit vom Korsett des Ateliers und der Stadt.

Marie Bischoff (1874-1961), Weiblicher Halbakt, 1910

Beitrag von

Charlotte Price ist Praktikantin für die Alte und Neue Pinakothek bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.