Der Blog der Pinakotheken

Geschichten aus dem Museum

Mathilde Q. Beckmann, Max Beckmann in Scheveningen, 1938 © Max Beckmann Archiv, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

06.11.2025 | Max Beckmann Archiv der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen

Nachts – Schreiben vom Tag

Die Tagebücher von Max Beckmann (1884–1950) online

Was ist interessant an diesen Aufzeichnungen eines Malers? Was macht sie heute noch lesenswert? Die Tagebücher von Max Beckmann sind eine Quelle von unschätzbarem Wert, die nun erstmals ungekürzt zugänglich ist. Man erfährt Neues über Beckmanns oft langwieriges Ringen mit seinem Werk sowie seine Alltags- und Lebensumstände, etwa durch seine genauen Beobachtungen über die Politik, aber auch über seine finanzielle Situation, und bekommt Einblick in seine Netzwerke.
In einem eigenwilligen und persönlichen Stil, der von Ironie und Humor geprägt ist, sowie keine Rücksicht auf Rechtschreibung oder Kommasetzung nimmt, hält Max Beckmann sein Leben fest.
Jede einzelne Tagebuchseite ist nun als Digitalisat sichtbar und mit einer Transkription wird die Handschrift auch lesbar gemacht. Durch verschiedene Register lassen sich die Einträge filtern; man erfährt, welche Bars der Maler in Amsterdam oder New York aufgesucht hat, was er gelesen hat oder welche Kinofilme er sah.

Fred Astaire, Marlene Dietrich und andere

An über 230 Tagen – und das sind nur die erhaltenen Tagebucheinträge – besuchte Beckmann das Kino. Allein dieser Suchfilter eröffnet einen neuen Blick sowohl auf die Vorlieben und Abneigungen, als auch auf die visuelle Erholungsstrategie des Malers, der nach stundenlanger Arbeit im Atelier im Kinosaal entspannte. Was ihm gefiel, ihn begeisterte, enttäuschte oder langweilte, darüber geben seine Notizen Auskunft und die meisten der Filme, die er dort erwähnt, konnten erstmals identifiziert werden. Fred Astaire findet seine Anerkennung (29.10.1945 und 11.10.1948), Marlene Dietrich steht er dagegen deutlich kritischer gegenüber („Marlene wieder Engel – O Gott“) (18.01.1946, 02.05.1946 und 24.04.1948).

Abends Kino

Überraschend sind die vielen Kinobesuche auch während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Amsterdam. Die wahre Leidenschaft zeigt sich aber erst, als wieder ein internationales Filmprogramm zur Auswahl steht. Beckmann spart dennoch nicht an Kritik mit den Bezeichnungen „englischen Clichéspionagenazifilm“ („Pimpernel  Smith“, 01.10.1945), oder den „schlechten französischen Mittelalterfilm mit Teaterteufel“ („Die Nacht mit dem Teufel“ von Marcel Carné, 01.04.1946).  Den Filmklassiker „Paisà“ von Roberto Rossellini dürfte der Maler mit „italopartisanfrenchzolahafter Kitschfilm“ am 21.09.1949 betitelt haben.

Finanzen: Das liebe Geld…

Der Schlagwortbegriff „Finanzen“ eröffnet einen weiteren, neuen Blick auf Beckmanns Leben. Der Maler vermerkt in seinen Aufzeichnungen jeden Bilderverkauf - meist sogar mit Preisangabe, aber auch Auflistungen von Reiseausgaben und Kosten für Essen, Trinken, Zigaretten und Zigarren. Am 07.04.1904 schreibt er darüber hinaus zu einer Auflistung seiner Finanzen, in der auch der Kauf von Postkarten mit 0,50 Franc festgehalten ist: „Ach was ich pfeife darauf auf das fade Aufschreiben. Au revoir Honetttigkeit.“

Max Beckmann, Tagebuchseite vom 7. April 1904, Tagebuch New York, Columbia University, Rare Book and Manuscript Library

Fades Aufschreiben?

Am 08.01.1941 notiert er ganz knapp: „Franke k. [auft] f[ür] 3500.“ Damit hält er den Bilderkauf des Münchner Galeristen Günther Franke im besetzten Amsterdam fest. Darunter zwei Gemälde, die sich heute in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in der Pinakothek der Moderne befinden: „Bauernholzträger (Heimkehrende)” und „Mädchen in Schwarz auf Grau“. Beckmanns teils zähe Verhandlungen um seinen Verkaufsanteil mit seinem New Yorker Galeristen Curt Valentin werden durch etliche Einträge nachvollziehbar.

Politik

Wie Wegmarken durchziehen historische Ereignisse Beckmanns Aufzeichnungen. Als aufmerksamer Beobachter hält er die politischen Geschehnisse kurz und prägnant fest. „Krieg mit Russland“ (22.06.1941), „Aachen platt?“ (11.10.1944) und „hörte von Remagen“ (10.03.1945) lauten Einträge während des Zweiten Weltkrieges. Das ersehnte Kriegsende am 04.05.1945 markiert Beckmann großgeschrieben mit „Friede“ - doppelt unterstrichen und mit vier Ausrufungszeichen.
„Krisengespräch wegen Corea“ (26.06.1950) ist die erste Erwähnung des Koreakonflikts, der täglich verfolgt wird. „Stimmung hier très baisé wegen Koreatragödie“ notiert er am 12.12.1950.

Der Weg der Bilder

Aber auch die Suchfunktion der Werke ist spannend: Für das „Selbstbildnis in Schwarz“ von 1944, das sich ebenfalls in der Pinakothek der Moderne befindet, gibt es in den Tagebüchern zwei wichtige Treffer. Der erste am 11.01.1944 belegt, dass Beckmanns Sohn Peter das Gemälde mit neun anderen von einem Besuch in Amsterdam mit nach Deutschland nahm. Fünf Jahre später, Beckmann hielt sich zu jener Zeit in Colorado auf, erfährt er durch einen Brief des Münchner Kunsthändlers Günther Franke vom Ankauf des Werkes durch die damalige Staatsgalerie moderner Kunst und notiert am 09. August 1949 seine zufriedene Reaktion darüber.
Das „Selbstbildnis in Schwarz“ kann heute in der Pinakothek der Moderne betrachtet werden, in der sich die zweitgrößte Sammlung von Gemälden Max Beckmanns weltweit befindet.

Die Tagebücher des Malers sind eine unschätzbare Quelle. Ab sofort können Sie sie online stets bei sich haben, um mehr über ihn, seine Zeit und sein Werk zu erfahren.

www.beckmann-tagebuecher.de


Beitrag von

Max Beckmann Archiv der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen Das Max Beckmann Archiv in München widmet sich als Künstlerarchiv dem Leben und Schaffen Max Beckmanns (1884-1950), einem der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Das 1977 gegründete Archiv ist als zentrale Forschungseinrichtung und Dokumenten- sowie Fotosammlung zum Künstler bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen angesiedelt und wird von dem gemeinnützigen Verein Freunde des Max Beckmanns Archivs gefördert.