Vor genau 200 Jahren wurde der Grundstein für die Alte Pinakothek gelegt – doch ihre Geschichte beginnt noch deutlich früher: Die Alte Pinakothek wahrt das Erbe einer nahezu 500-jährigen Sammlungstätigkeit des Hauses Wittelsbach. Der Ursprung der Gemäldesammlung geht auf den Historienzyklus zurück, den Herzog Wilhelm IV. und seine Ehefrau Maria Jacobaea von Baden 1528 für ihre Münchner Residenz beauftragten. Die in dem Zusammenhang entstandene Alexanderschlacht von Albrecht Altdorfer ist bis heute eines der Highlights der Sammlung.
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Alles Gute zum Geburtstag, Alte Pinakothek!
7. April 1826
Ein Jubiläum mit langer Vorgeschichte
Der gewaltige Besitz des zunächst herzoglichen, dann kurfürstlichen und schließlich königlichen Bilderschatzes beruht auf der Sammelleidenschaft einzelner Wittelsbacher. Beispielsweise ließ Herzog Albrecht V. (Sohn von Wilhelm IV. und Maria Jacobaea) 1563-1567 eine erste Kunstkammer in München errichten. Kurfürst Max Emanuel schuf mit der Grande Galerie im Neuen Schloss Schleißheim einen 61 Meter langen Prunkraum für die Präsentation der Glanzstücke seiner Sammeltätigkeit. Unter Kurfürst Karl Theodor entstand ab 1777 die Hofgartengalerie an der Residenz, um die Bestände konzentriert zu präsentieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In sieben Räumen wurden dort rund 700 Gemälde ausgestellt!
Als im Verlauf des 18. Jahrhunderts verschiedene Linien des Hauses Wittelsbach ohne direkte Erben blieben, fiel die Kurwürde zuletzt auf die Zweibrücker Herzöge, denen nun auch der reiche Kunstschatz der verschiedenen Familienzweige zufiel. In der Residenzstadt München wurden die Schätze zusammengezogen: 1799 waren es 600 Gemälde aus dem Kurfürstlichen Schloss Mannheim und rund 2000 Werke aus der Zweibrücker Galerie, ab 1806 folgte die Düsseldorfer Sammlung des Wittelsbachers Johann-Wilhelm von Pfalz-Neuburg mit fast 350 Werken. Mit der Säkularisation kamen weitere 1500 Gemälde aus enteigneten Kirchen und Klöstern hinzu. Ein Neubau für die auch für heutige Maßstäbe riesigen Bestände war dringend notwendig.
Erste Planungen – Königliche Visionen und ein neues Museumskonzept
Der große Zuwachs an Bildern musste untergebracht werden, und so entwickelte Johann Christoph von Mannlich, Zentralgaleriedirektor der Kunstsammlung der Wittelsbacher, bereits 1805 innovative Ideen für einen Neubau an der Residenz. Statt klassischer Ausstellungssäle schlug er bienenwabenartige Galerieräume mit schrägen Wänden vor, um Spiegelungen der Fenster auf den Gemälden zu vermeiden – ein Ansatz, der seiner Zeit voraus war, jedoch nicht umgesetzt wurde.
Erst am 12. Juni 1823 bestätigte König Maximilian I. die Neubaupläne offiziell mit den Worten: „Es soll eine neue Galerie gebaut werden.“ Dennoch blieb es zunächst bei Planungen. Erst unter König Ludwig I. nahm das Projekt Gestalt an. Der kunstbegeisterte Monarch ließ sich von seinen Reisen inspirieren und verfolgte das Ziel, München zu einem kulturellen Zentrum Europas zu entwickeln. Er beauftragte als Architekt Leo von Klenze, der ein höchst innovatives Gebäude schuf.
Leo von Klenzes Pinakothek
Seit seiner Berufung nach München im Jahr 1816 – zunächst für den Bau der Glyptothek – arbeitete der Architekt Leo von Klenze an den Entwürfen für die Pinakothek. Insgesamt wurde der Standort mehrfach verändert: Ursprünglich war ein Bau am Odeonsplatz vorgesehen. Schließlich entschied man sich jedoch für den Bereich zwischen Theresien-, Arcis-, Gabelsberger- und Barerstrasse. Dieser lag zur Bauzeit noch außerhalb der Stadt, im Grünen, und bot Schutz vor Brandgefahr.
Die Architektur der Pinakothek wurde von Zeitgenossen – etwa im Reiseführer „Acht Tage in München“ von 1834 – als „eines der imposantesten und herrlichsten Bauwerke, welche die neuere Zeit entstehen sah“, beschrieben. Das Gebäude setzte neue Maßstäbe: Erstmals wurde ein Museumsgebäude mit Oberlichtsälen entworfen. Klenze konzipierte verglaste Dachaufbauten, die Dachlaternen, durch die das Tageslicht in großzügig bemessene Säle fiel. Als Maßstab für die Proportion der Säle diente das über sechs Meter hohe „Große Jüngste Gericht” von Peter Paul Rubens. Es hängt bis heute unverändert im Rubenssaal, als Teil einer der weltgrößten Rubenssammlungen. Ursprünglich lag der Zugang zur Pinakothek auf der Ostseite - der Eingang dort ist bis heute durch zwei Löwenskulpturen akzentuiert.
Die Pinakothek wird zur Alten Pinakothek
Das Datum für die Grundsteinlegung wurde bewusst gewählt, um den an diesem Tag geborenen und hoch verehrten Maler Raffael (Raffaello Santi) zu würdigen. In der Eröffnungsrede formulierte Ludwig Schorn, Professor für Kunstgeschichte in München, den Anspruch, das Museum solle jene begeistern, „welche hier genießend und strebend eintreten“, ihr Auge für das Schöne schärfen und sie zu eigenen schöpferischen Leistungen anregen.
Mit diesem historischen Moment der Grundsteinlegung konkretisierte sich die Vision König Ludwigs I., der München zu einem Zentrum der Kunst und Kultur von internationalem Rang entwickeln wollte: „Ich will aus München eine Stadt machen, die Teutschland so zur Ehre gereichen soll, dass keiner Teutschland kennt, wenn er nicht München gesehen hat."
Nach der feierlichen Grundsteinlegung im Jahr 1826 dauerte es zehn Jahre, bis die Pinakothek am 16. Oktober 1836 eröffnet wurde. Die stuckierten Decken waren prunkvoll gestaltet. Der heute nicht mehr erhaltene Loggiengang war mit Fresken ausgestattet, die einzelnen Künstlern oder Künstlerschulen gewidmet waren. In der Mitte des Gangs befand sich die Raffael gewidmete Loggia, die dem Maler nochmals eine besondere Stellung einräumte. Insgesamt wurden 1.269 Gemälde präsentiert – heute sind um die 800 Werke ausgestellt. Ursprünglich war geplant, auch die damals zeitgenössische Kunst zu zeigen, die Ludwig I. intensiv sammelte. Ihr wurde jedoch ein eigenes Gebäude gewidmet: 1846 wurde der Grundstein für die Neue Pinakothek gelegt – seitdem trägt die bislang nur Pinakothek genannte „Alte” Pinakothek ihren Beinamen.
Zerstörung und Wiederaufbau
Die Bombardements im Zweiten Weltkrieg führten zu massiven Schäden am Gebäude; Teile der ursprünglichen Architektur gingen verloren. Beim Wiederaufbau vertrat der Architekt Hans Döllgast einen Ansatz, der sich durch den respektvollen Umgang mit der historischen Substanz auszeichnete. Statt einer vollständigen Rekonstruktion des historischen Erscheinungsbildes wurden verlorene Gebäudeteile in vereinfachten Formen wieder aufgebaut; andersfarbige Ziegel aus den Trümmern der Kaserne an der Türkenstraße nebenan machten die Kriegsschäden im Mauerwerk der Süd- und der Nordfassade sichtbar gemacht. Verändert wurde die Raumorganisation durch den Einbau der monumentalen Treppenanlage auf der Südseite. So entstand ein Bau, der Vergangenheit und Gegenwart sichtbar miteinander verbindet. Seit 1957 ist die Alte Pinakothek in dieser Form wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Sie gilt als eindrucksvolles architektonisches Zeugnis des Wiederaufbaus in der noch jungen Bundesrepublik.
Das 200-jährige Jubiläum der Grundsteinlegung ist nicht nur Anlass zur Rückschau, sondern auch zur Würdigung der kulturellen Bedeutung dieses Hauses. Die Alte Pinakothek steht bis heute für die Verbindung von architektonischer Innovation und künstlerischem Erbe – und bleibt ein lebendiger Ort der Begegnung mit der Kunst.