02.08.2019 Rückgabe geraubter Kunstwerke

Der Fall Davidsohn

A.J. Daiwaille und Eugene Verboeckhoven, Bauernhäuser und weidendes Vieh, vor 1866, Öl/Leinwand, 45,3 : 69,5 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen Inv.Nr. 12212, © Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Neun Kunstwerke (fünf Gemälde, drei Farbstiche und eine Holztafel mit Elfenbeinreliefs) werden am 5. August 2019 an die Erben der jüdischen Vorbesitzer zurückgegeben – die Werke waren 1938 in München beschlagnahmt worden. Das Ehepaar Julius und Semaya Franziska Davidsohn hatte die Kunstwerke aufgrund seiner Verfolgung durch die Nationalsozialisten verloren.

von Dr. Andrea Bambi, Leitung Provenienzforschung

Beschlagnahmeprotokoll der Gestapo und Kennkarten-Doppel von Semaya Franziska und Julius Davidsohn, Februar 1939 Beschlagnahmeprotokoll der Gestapo, 25.11.1938, Bayerisches Nationalmuseum Dokumentation, Dok.199, Mappe 3 © Bayerisches Nationalmuseum
Kennkarten (Stadtarchiv München, KKD-572, KKD-573) © Stadtarchiv München

Vom Kunstraub zur Ermordung von Semaya Franziska und Julius Davidsohn

Die Beschlagnahmung bei Davidsohn 1938

Am 25. November 1938 wurden in der Wohnung des Ehepaars in der Widenmayerstr. 45 in deren Gegenwart fünf Gemälde, drei Farbstiche und ein Elfenbeinrelief durch die Geheime Staatspolizei (Gestapo) beschlagnahmt. Während drinnen der Kunstbesitz protokolliert wurde, wartete draußen vor der Wohnung bereits der Möbelwagen. Die geraubten Kulturgüter wurden zunächst in das Maximilianeum gebracht und 1940 den Staatlichen Museen zum Kauf angeboten. Da sich für diese Objekte kein Käufer fand, wurden sie mit Kriegsausbruch in Bergungsdepots außerhalb Münchens gebracht.

Bereits im September 1939 wurde das Ehepaar Davidsohn aus seiner Wohnung vertrieben und musste schwere körperliche Zwangsarbeit leisten. Ihre letzte Station in München war das Sammellager in Berg am Laim (Klosterflügel der Anlage der Barmherzigen Schwestern), bevor man sie am 16. Juli 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportierte. Julius Davidsohn wurde dort am 11. August 1942 ermordet, seine Ehefrau Semaya Franziska Davidsohn am 24. April 1943.

Die Kunstraubaktion 1938 in München

Der Gestapo-Einsatz und Raub bei Davidsohn stehen im Kontext der Judenverfolgung und ihrer systematischen Ausplünderung: Nur zwei Wochen nach dem November-Pogrom beschlagnahmte die Gestapo in 70 jüdisch stämmigen Haushalten in München und Umgebung rund 2500 Kulturgüter. Museumsverantwortliche und Akteure der Kunstszene Münchens hatten der Gestapo explizit die Standorte von Kunstwerken in Privatbesitz verraten. Damit begann eine der größten staatlichen Kunstraubaktionen in der Zeit des Nationalsozialismus. Jan Schleusener dokumentierte in seinem Buch Raub von Kulturgut erstmals, wie es zu der Aktion kam, welche Motive und Interessen dahinterstanden, wer davon profitierte und wie Beteiligte und Betroffene nach Kriegsende darüber sprachen – und schwiegen.

Zwei der insgesamt fünf restituierten Gemälde Otto Fedder, Postkutsche in den Bergen, um 1900, Öl/Pappe, 18 : 12,7 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen Inv.Nr. 12213, © Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Ludwig Kandler, Bauersfrau mit Kopftuch, Öl/Karton, 41 : 35 cm, Inv.Nr. 12215, © Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Von der „Überweisung aus Staatsbesitz“ zur Restitution

Nach Kriegsende 

Die unrechtmäßig beschlagnahmten Kunstwerke gelangten in den sogenannten Central Collecting Point am Königsplatz. Stellvertretend für das ermordete Ehepaar meldete die JRSO (Jewish Restitution Successor Organisation) im Dezember 1948 Rückerstattungsanspruch an. Im Juli 1952 trat die JRSO auf Basis des Globalabkommens ihre Ansprüche an den Freistaat ab. So wurde das Land Bayern im Fall Davidsohn Rückerstattungsberechtigter. Seit 1955 befinden sich die Kunstwerke aus dem Eigentum des Ehepaars Davidsohn als Überweisung in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (5 Gemälde), dem Bayerischen Nationalmuseum (1 Holztafel mit Elfenbeinreliefs) und der Staatlichen Graphischen Sammlung (3 Farbstiche).

Die Erbensuche 2016-2018

Nach dem gewaltsamen Tod des Ehepaars waren Cousins und Cousinen von Semaya Franziska Davidsohn erbberechtigt. Von diesen überlebten zwei Cousinen den Holocaust in Deutschland. Weitere fünf Cousins und Cousinen emigrierten verfolgungsbedingt nach England, in die USA, nach Israel und das damalige Rhodesien (heute Zimbabwe). Die Suche nach deren Erben hat unter Einschaltung unabhängiger Erbenforscher über 2 Jahre in Anspruch genommen und konnte Ende 2018 abgeschlossen werden

Die Restitution 2019

Auf Grund des im Bericht der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen dargestellten eindeutigen verfolgungsbedingten Verlusts hat das Ministerium für Wissenschaft und Kunst auf Basis der Washington Principles sowie der Gemeinsamen Erklärung von Bund, Ländern und Kommunen im Mai 2019 die Restitution der Kunstwerke an die heute Berechtigten befürwortet.

Weitere Informationen zur Provenienzforschung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen finden Sie auf unserer Website und darüber hinaus im aktuellen Tätigkeitsbericht des Forschungsverbunds Provenienzforschung.