AU RENDEZ-VOUS DES AMIS | KLASSISCHE MODERNE IM DIALOG MIT GEGENWARTSKUNST AUS DER SAMMLUNG GOETZ

AU RENDEZ-VOUS DES AMIS | KLASSISCHE MODERNE IM DIALOG MIT GEGENWARTSKUNST AUS DER SAMMLUNG GOETZ

Pinakothek der Moderne | Kunst
Sammlung+

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Die Klassische Moderne ist mit ihrer Vielzahl von neuen künstlerischen Stilrichtungen eine Inspirationsquelle für die nachfolgenden Künstlergenerationen. Sie bereitete den Weg für einen freien Umgang mit Farbe, Perspektive und Proportionen. Diesen Einfluss zeigt die Neupräsentation von 13 Sälen der Klassischen Moderne im Dialog mit 80 Werken der Gegenwartskunst aus der Sammlung Goetz. Dabei wird der Schwerpunkt Malerei medial um Fotografie, Skulptur und textile Arbeiten erweitert. Viele der Künstlerinnen und Künstler setzen sich aber auch kritisch mit diesem Erbe der abendländischen Kultur auseinander und werfen Fragen zum Umgang mit Körper, Geschlecht und Identität auf. Mit Francis Bacon, Max Beckmann, Louise Bourgeois, Fischli Weiss, Rodney Graham, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc, Pablo Picasso, Oskar Schlemmer, Rosemarie Trockel, Woty Werner, Andrea Zittel u.a.

Unter dem Titel Sammlung+ präsentieren die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in der Pinakothek der Moderne das Format von Studioausstellungen im Kontext der Sammlung: Präsentationen von Neuerwerbungen, Leihgaben und Künstler*innenräume zeigen die intensive Sammlungs- und Forschungsarbeit, die fachlich fundierte Auseinandersetzung und die Aktualität der Sammlungen.

Ernst Ludwig Kirchner

Spielende nackte Menschen, 1910

77 x 89 cm

Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Leihgabe aus Privatbesitz

Foto: Sibylle Forster, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

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Louise Bourgeois

Couple, 2004

Stoff, 44 x 16 x 16 cm

Sammlung Goetz

© The Easton Foundation/ VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Courtesy Sammlung Goetz, München

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Blick in die Ausstellung: Saal 5 | Mythische Figur

Die kubistische Plastik eröffnet durch den Verzicht auf die Wiedergabe von naturgetreuen Formen und Proportionen einen neuen Blick auf den menschlichen Körper. Sie erfasst die Dynamik von Bewegungen und überträgt sie in eine Kombination rhythmisch-abstrakter Volumen. So entstanden raumgreifende Meisterwerke der Moderne - wie die „Boxenden“ von Alexander Archipenko oder der „Dreiklang“ von Rudolf Belling.

Der deutsch-französische Künstler Hans Arp nahm kubistische Ideen auf, orientierte sich jedoch an den organischen Formen der Natur und fand so zu einem eigenständigen abstrakten Stil. Charakteristisch für seine Skulpturen sind weiche gerundete Formen und geschwungene Linien, die verborgene Wachstums- und Verwandlungsprozesse der Natur zum Ausdruck bringen.

Den Werken Arps werden fragil anmutende Gipsobjekte und sinnlich haptische Bronzearbeiten der tschechoslowakischen Künstlerin Mária Bartuszová gegenübergestellt. Obwohl sie viele Jahre abseits vom westlichen Kunstgeschehen hinter dem Eisernen Vorhang arbeitete, sind in ihrem Werk Einflüsse von Constantin Brâncusi, Henry Moore oder Hans Arp sichtbar. Den biomorph-abstrakten Skulpturen Bartuszovás ist jedoch ein unverwechselbarer sinnlich-erotischer wie psychologischer Ausdruck eigen. Einige der kleinformatigen Arbeiten, häufig Abgüsse organischer Formen, sollten in den Händen gehalten werden; teilweise integrierte sie die Künstlerin auch in die Natur. Die Plastiken wecken Assoziationen an schmerzhafte Verwandlungsprozesse, an Geburt, pulsierendes Leben, aber auch an Sterben und Tod.

Abbildung: Blick in Saal 5 der Ausstellung mit Werken von Pablo Picasso (hinten links), Alexander Archipenko (vorne links) und Hans Arp (hinten Mitte und rechts). Foto: Haydar Koyupinar © VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Succession Picasso

Blick in die Ausstellung: Saal 6 | XOXOSkeleton

Pablo Picasso und Georges Braque entwickelten seit 1906/07 den Kubismus als radikalen Bruch mit der Tradition der Malerei. Die Kritik an der Wiedergabe des Sichtbaren, die Zerlegung des Bildes in geometrische Einzelformen und die Suche nach einer neuen Malerei machte den Kubismus zum entscheidenden Ereignis der kommenden Avantgarden. In der Gegenwartskunst bleibt der Kubismus ein zentraler Bezugspunkt für die selbstreflexive Erkundung der künstlerischen Möglichkeiten von Malerei und Plastik. Die kubistische Erweiterung des zweidimensionalen Tafelbildes in die dritte Dimension durch Assemblage und Collage legte die Grundlage für einen erweiterten, konzeptuellen sowie installativen Kunstbegriff.

Der in Los Angeles lebende US-amerikanische Künstler Aaaron Curry empfing durch Picassos Skulpturen wegweisende Impulse, um sich vom Maler zum Bildhauer weiterzuentwickeln. In seinen bemalten Steckskulpturen aus Sperrholz verbindet Curry kubistische Rasterlinien mit organischen, biomorphen Formen. Er realisiert hybride Objekte, die Zwei- und Dreidimensionalität, Figur und Abstraktion, Malerei und Skulptur miteinander kombinieren.

Die durch den Kubismus markierte Schnittstelle von figürlicher und abstrakter Kunst erforscht auch der österreichische Maler Tobias Pils. Im Verzicht auf chromatische Farben und die Reduktion der Palette auf Schwarz, Weiß und Grau folgt er dem konzeptuellen Ansatz des Kubismus. Sein von Intuition geleiteter Malprozess lässt mit kraftvollen Linien und Rastern Gegenstandsassoziationen entstehen und wieder vergehen.

Abbildung: Blick in Saal 6 der Ausstellung mit Werken von Pablo Picasso (1. und 3. v. l.), Aaron Curry (2. und 4. v. l.) und Tobias Pils (re.)
Foto: Margarita Platis © Succession Picasso / VG Bild-Kunst, Bonn 2020 / Aaron Curry Courtesy Sammlung Goetz, München

Blick in die Ausstellung: Saal 11 | Homage to the Square

Das „Bauhaus“ war eine von Walter Gropius 1919 in Weimar gegründete Schule für Kunst und Gestaltung. Bis zu ihrer Schließung 1933 durch die Nationalsozialisten blieb es ein Labor für ästhetische Reformansätze, die bis heute fortwirken. Vorbild war die Organisation von mittelalterlichen Bauhütten, bei der Künstler, Architekten und Handwerker eine Einheit bildeten. Viele renommierte internationale Künstler wie Oskar Schlemmer, László Moholy-Nagy und Josef Albers unterrichteten am Bauhaus, prägten dessen legendären Ruf als Avantgarde-Hochschule und trugen dessen Ideen in die Welt.

Der Raum führt schlaglichtartig vor, wie geometrisch-abstrakt arbeitende Künstlerinnen und Künstler diese Impulse des Bauhauses individuell weiterentwickeln. Textilen Arbeiten gilt das besondere Augenmerk. Die amerikanische Künstlerin Andrea Zittel folgt der Verbindung von Kunst und Leben in ihren Werken, indem sie sowohl autonome Kunstwerke als auch benutzbare Objekte schafft. Rosemarie Trockel verwendet Strickstoffe für ihre abstrakt-minimalistischen Bilder. Wolle galt in der bildenden Kunst lange Zeit als ein minderwertiges Material, das eigentlich zum Kunsthandwerk gehört und traditionell von Frauen verarbeitet wird. Trockel untersucht, ob das negative Image auch dann noch Bestand hat, wenn sie das Material in einen anderen Kontext stellt. Katja Strunz orientiert sich am abstrakten Formenvokabular des Konstruktivismus. Sie findet ihre Gegenstände für die dreidimensionalen Reliefs beim Schrotthändler oder auf dem Flohmarkt. Spuren der Vergangenheit werden nicht getilgt, sondern bleiben als „zweite Gegenwart des Vergangenen“ Teil des Werks.

Abbildung: Blick in Saal 11 der Ausstellung mit Werken von Takesada Matsutani, Josef Albers, Andrea Zittel, Oskar Schlemmer (v.l.n.r.; vorne: Andrea Zittel). Foto: Haydar Koyupinar © Takesada Matsutani/ The Josef and Anni Albers Foundation/ VG Bild-Kunst Bonn, 2020/ Andrea Zittel